01.01. – 17.01.2018 – südliche Carretera Austral

Am Neujahrstag brechen wir gemütlich aus El Chalten auf, nicht ohne zuvor nochmal die beste Bäckerei im Ort aufzusuchen. Nur 40 km sind es bis zum Fähranleger – auf verhältnismäßig gutem Schotter und über ein paar Brücken durch das Tal, welches wir schon auf der Wanderung zum Fitz Roy sahen. Wie so oft setzt leichter Regen ein und der Wind nimmt ab Mittag zu. Ein Eco-Campingplatz bietet den perfekten Ort für unsere Kakao- und Kuchenpause. Entlang der dünn besiedelten Region rund um die Carretera Austral ist uns während der nächsten Wochen fast jede Gelegenheit für eine solche Rast willkommen.

Am Nachmittag erreichen wir den Anleger und zelten an der Estancia nahebei. Scheinbar ein beliebtes Ausflugsziel – auch „unsere“ Rezeptionistin aus Calafate ist hier. Für den Zugang zum Humuel-Gletscher über privates Land verlangt der Estancia-Besitzer nochmal knapp 10 EUR. Bei stärker werdendem Regen verzichten wir jedoch dankend. Am nächsten Morgen bringt die Fähre uns pünktlich über den ersten See zum Grenzposten, in dem noch alle Daten handschriftlich erfasst werden. Anschließend beginnt das wahre Abenteuer – 22 km sind es zur nächsten Fähre, die in knapp 6 h fahren soll, wenn sie denn fährt. Wie wir hörten, sei sie sehr wetteranfällig und das größere Originalschiff ohnehin seit Wochen in Reparatur, sodass nur ein kleineres Boot fährt.

Die ersten 6-8 Kilometer des Weges sind auf einem teils steilen, oft engen, mit Steinen, Sumpf, Flußquerungen und Wurzeln versehenen Wanderweg zurückzulegen. Man könnte auch Gepäckpferde für diese Passage mieten, jedoch gehen wir die Passage ohne Hilfe Dritter an. Mehrmals muss ich absatteln, da das Rad zu breit für den tief eingegrabenen, stark erodierten Weg ist, die Gepäcktaschen zu tief hängen, der Weg sonst zu steil und das Rad zu schwer zum Schieben ist oder um die Ausrüstung über einen Fluß zu bringen. Umgefallene Baumstämme und improvisierte Brücken taugen nur selten zur trockenen Querung. Die Mehrzahl der Furten watet Andreas mit seinen „wasserfesten“ Socken durch das Wasser, um beide Räder und einen Teil der Taschen ans andere Ufer zu bringen. Den Rest schultere ich und passiere das kühle Nass an gut gewählten Stellen. Ein paar Mal bleiben wir dennoch im Modder stecken oder versinken bis zu den Waden in sumpfigen Wiesen. Dank gegenseitiger Schiebe- und Tragehilfe (wobei ich mit dem schwerer beladenen Fritz mehr Unterstützung benötige) kommen wir gut voran. Der Gipfel des Fitz Roy ist vom Weg aus noch einige Male wolkenfrei zu sehen und schließlich erreichen wir die Landesgrenze, wo uns tatsächlich Packpferde mit aufgeschnallten Rollkoffern begegnen. Außer zwei leichtgewichtigen Bikepackern auf Mountainbikes in entgegengesetzter Richtung sind wir heute die einzigen Toureros auf dem Pfad, die meisten Menschen wandern hier „nur“. Vom Grenzstein lassen sich die letzten 14 km mehr oder minder fahren – die letzten 5 km steil bergab auf ausgewaschener Schotterweg in engen Kurven mit losem und grobem Kies jedoch nur mit hohem Bremsverschleiß und ein zwei sanften Abstiegen über den Lenker bzw. die Querstange.

Am chilenischen Grenzposten werden wir freundlich empfangen, statt Gepäckcheck mit Röntgengerät wird vom spaßig aufgelegten Sergant nur der Inhalt der Taschen abgefragt: „Bananas o otra Frutas? Verduras? Semillas? Marihuana? Kokain? Ecstasy? – No? Bien!“. Um uns über den Status der Fähre aufzuklären holt er seinen jungen Kollegen, der uns dann mit Iron Maiden-Shirt bekleidet und in Deutsch aufklärt: Die Fähre fuhr heute das erste Mal seit 5 Tagen und versucht so viele Fahrten wie möglich zu machen, um den Stau wartender Fahrgäste abzuarbeiten. Das Wetter sei derzeit jedoch schlecht (wir schauen ungläubig auf den großen, stillen See). Um 17 Uhr käme die Fähre auf keinen Fall, vielleicht etwas später und wenn sie heute nicht mehr zurück fährt, dann vielleicht morgen früh um 6 Uhr. Wir sollten am Ufer warten und Ausschau halten – fast schon romantisch. Der Zeltaufbau muss also warten. Die sonst übliche Touristenkarte bekommen wir hier nicht, der Stempel solle genügen um wieder aus Chile ausreisen zu können. Bei der nächsten Grenzquerung im Seengebiet stellt sich dies jedoch als falsch heraus.

Wir warten am nahen Campingplatz mit Ausblick auf See und Hafen. Während sich die Sonne langsam senkt, bekommen wir von der 90-jährigen Campmutti Kaffee und Butterbrot, putzen die Räder, hängen das von der letzten Nacht noch nasse Zelt zum Trocknen auf und unterhalten uns mit anderen wartenden Wanderern. Gegen 18.15 Uhr sichten die Wanderer einen Punkt am Horizont – der Größe nach kann das, was da kommt nur ein kleines Fischerboot sein, dass über die Wellen hüpft. Eine Stunde später sitzen wir auf eben diesem 14 Meter-Bötchen. Sobald das Boot die geschützte Bucht verlassen hat, spüren wir, warum die Fährverbindung so wetteranfällig ist: Wir hüpfen und platschen dem Sonnenuntergang entgegen über den fjordartigen See, der Bug hebt und senkt sich alle paar Sekunden um zwei, manchmal auch mehr Meter, bevor er im nächsten Wellental aufschlägt.

Bei Einbruch der Dunkelheit fahren wir mit Radscheinwerfer die letzten 10 km nach Villa O´Higgins – alle anderen Fahrgäste kamen gerade noch so im Pick-Up das Captains mit. Das Hostel Mosco ist scheinbar DER Radfahrertreff im Ort und bietet uns noch zwei Betten, eine warme Dusche und gemütliche Küche. Würden wir hier mehrere Tage ausharren müssen wie andere Radler, die auf die Fähre nach Süden warten, gäbe es auch eine Sauna und einen Whirlpool – eine wunderbare Herberge!

Am nächsten Morgen warten wir ab, bis der Regen schwächer wird, stocken Vorräte und Kleber für die leidenden Schuhsohlen auf und starten mittags im Nieselregen auf der Ruta 7, der legendären, schon unter Pinochet geplanten Carretera Austral. Ein kurzer Schneeschauer kurz vor der Abfahrt vermag uns nicht mehr aufzuhalten – für die kommenden Tage ist ohnehin mehr Niederschlag angesagt und der Wind kommt hier fasst immer von Westen und oder Norden – also von vorn.

Zwischendurch reist der Himmel auf und es geht durch Wälder und am See entlang, später wellig, tendenziell bergauf vorbei an sumpfigen Wiesen über Schotter – anfangs gut, später schlechter. Jedoch nimmt der Wind zu und auch der Regen setzt wieder ein – nach gut 65 km erreichen wir endlich die längst ersehnte Schutzhütte, die wir nach Informationen anderer Radfahrer rund 10 km vorher erwarteten. Eigentlich stand schon der Beschluss, doch noch mit Gewalt über den Pass zu drücken um den Fähranleger zu erreichen – nochmal knapp 40-50 Kilometer – zum Einbruch der Dunkelheit wären wir (vielleicht) angekommen. Zum wilden Campen fand sich bis zur Schutzhütte  kein geeigneter, windgeschützter Ort, der weiter als fünf Meter von der Piste entfernt liegt und nicht sumpfig ist. Die letzten (einzigen) Estancias passierten wir 5 bzw. 10 km vorher, jedoch waren diese offenkundig verrammelt. Längst hatte ich den Kopf nur noch unten um Wind und Regen zu begegnen und wartete am Anfang des Anstiegs auf Andreas, als dieser mir winkend hinterherkommt. Das Holztor zur Schutzhütte einige hundert Meter zuvor muss ich übersehen haben – knapp 30 min später brennt ein wärmendes Feuer im Kamin und wir haben ausreichend Holz für die nächsten Stunden aus dem nahen Wald geholt. Wind- und regengeschützt kochen wir unsere Süppchen und bereiten das Nachtlager auf den Pritschen der Hütte aus, die ursprünglich wohl mal Gauchos, zuletzt aber vorwiegend Radfahrern als Zufluchtsort diente, wovon zahlreiche Wandmalereien zeugen. Wasser holt Andreas etwa 2 km entfernt – das hinter dem Haus stehende Gewässer scheint auch laut mehrerer Hinweise im Haus nicht trinkbar. Mit den Zeltplanen dichten wir die Bretterwände noch ein wenig ab und erwachen am nächsten Morgen – mit Regen. Bis zum Mittag muss entschieden werden, ob wir bleiben oder wir es wagen. Immerhin wird der Regen kurz vor unserer selbst gesetzten Deadline um 13 Uhr etwas schwächer: Regenhose und -jacke an und raus… Rio Bravo bzw. Yungay ist unser Ziel – nicht ganz 50 km und zwei Anstiege auf immerhin jeweils 400 Meter entfernt.

Knackig geht es heute bergauf, steil wieder ins Tal, die letzten Kilometer ziehen sich, wir sind vollkommen durchweicht von Schweiß und Regen. Das Wartehaus am Fähranleger ist offen, die Toilette aber zu – mit der letzten Fähre gelangen wir nach Yungay. Während Andreas einen eiskalten Rinnsal in Rio Bravo zum Waschen nutzt, finde ich auf der kostenlosen Fähre tatsächlich warmes Wasser im Bad vor und nutze diese phantastische Gelegenheit um mich trocken zu legen. In Yungay steht ein identisches Wartehäuschen, dazu gibt es noch einen Imbiss, in dem wir gerade noch ein großes Steaksandwich bekommen und das Bad nutzen können, bevor abgeschlossen wird. Isomatten und Schlafsäcke rollen wir diese Nacht also mal wieder in einem Wartehaus aus – per se spätestens seit Tehuelche nicht die schlechteste Übernachtungsvariante.

In den folgenden Tagen nehmen wir Berge und Schotter unter die Räder. Vorbei an Caletta Tortel (vom 20 km Umweg je Richtung zu den mit Stegen verbundenen Häusern wird uns abgeraten) geht es weiter nach Norden, meist begleitet von kleinen Wasserfällen, Flüßen, schneebedeckten Bergen am Horizont. Entsprechend malerisch ist so manch Campingplatz gelegen – auch wenn die Dusche oft nur kaltes Wasser hergibt. Ab und an gibt es auch ein Refugio mit holzgeheiztem Ofen, Brot, Himbeeren und Eier von Privatleuten am Rande des Weges – sogar selbst gemachte Marmelade, für Radfahrer extra in kleine leichte Kunststoffflaschen abgefüllt wird angeboten (und von uns gekauft). Täglich begegnen uns zwischen 5 und (häufiger) bis zu 20 Radfahrern, die in der üblicheren Gegenrichtung unterwegs sind. Beim Plausch am Straßenrand erfährt man, wo man demnächst rasten, schlafen oder Nachschub bekommen kann, wie die Pistenverhältnisse der nächsten Etappen empfunden wurden und weitere Informationen – beispielsweise zum Stand der Beräumung, des Erdrutsches bei Santa Lucia (Mitte Dezember wurden große Teile des Ortes von einer Schlammlawine verschüttet, über ein Dutzend Menschen starben) weiter nördlich, der die Durchfahrt mit dem Velo verhindert, aber wohl per Fähre umfahren werden kann. Die Angaben zur Fahrbarkeit der Strecken variiert jedoch von „nur ein-zwei Kilometer wirklich schlimm“ bis zu „30 km schlimmstes Waschbrett und faustgroße Steine/loser Schotter“ – wohlgemerkt zum gleichen Abschnitt. Somit gilt am Ende oft: Hinfahren, anschauen, erleben und leider sind häufiger die pessimistischen Einschätzungen die der Realität am nähesten kommenden. Trotz durchschnittlich 1.500 kumulierten Höhenmetern pro Tag gewinnen wir kaum an Höhe – in der Regel geht es von einem Tal über den Pass zum nächsten oder in kurzen Anstiegen steil bergauf und kurz darauf wieder herunter. Der Tagesschnitt rutscht auf 50-60 Kilometer und mehr als 10 km/h sind selten möglich. Unglaublich blau/türkis sind die Flüße und Seen – teils die wasserreichsten des Landes, mitunter gleichzeitig Grenzlinie zu Argentinien. Die Farben sind unglaublich und definitiv keine Spiegelung des (nicht) blauen Himmels, denn es ist fast immer bewölkt, nieselt oder regnet. Die Wasserfarbe kommt so den kitschigsten Postkarten von Südseestränden gleich. Wir schlafen oft nahe am Flußufer, nicht weit ab der Straße – hin und wieder in verlassenen Hütten mit Bad im eiskalten Bergfluß, manchmal an wunderbaren Campingplätzen zwischen Schafen und Pferden, oft genug mit kalter Dusche, ab und zu mit Lagerfeuer.

Nervig sind nicht nur die unzähligen (und von uns zahlreich exekutierten) großen, schwarz-orangenen Pferdebremsen, die herauskommen, sobald etwas Sonne scheint, sondern auch hier die unvermeidlichen von 4×4 – Fahrzeugen geschaffenen Waschbrettpisten“ – so wie die letzten 20 km vor Cochrane: Selten wurde ich so durchgeschüttelt, Schrauben und Speichen müssen an diesem Tag schon vor Erreichen des Zielortes geprüft und nachgezogen werden, armer Fritz. Von vielen als guter Ort für Rasttage gepriesen, bietet das Städtchen außer zwei Campingplätzen, ausgebuchten Hospedajen, den ersten Geldautomaten seit El Chaiten und immerhin einem vegetarischen Restaurant nur einen abgefahrenen Supermarkt: Nägel neben Betonmischern, Schnürsenkeln, Parfüm, Kleidung, Gemüse und Gewehren – alles in einem Geschäft. In Cochrane treffen wir Daniel aus Österreich wieder und verlassen gemeinsam die Stadt, an den zahlreichen Anstiegen entschwindet er jedoch rasch – erst zum Mittag holen wir ihn wieder an einer Bushaltestelle ein, die uns allen als Regenschutz dient. Das nächste Tagesziel, Puerto Bertrand rühmt sich als Raftinghochburg, immerhin hat der Regen zum Nachmittag doch noch aufgehört. Aus einem Truck im Ort werden frische Kirschen aus Chile Chico verkauft – DER Obstbauregion – ein Kilo ist rasch vernascht. Zum Abend gibt es die wohl teuerste Pizza seit langem – das hippe Bistro ruft stolze 18 EUR für eine gute und große Pizza auf – und doch ist dieses Essen Balsam für die regengeplagte Radlerseele.

Nach einer Woche Schauern und Regen beginnt nun endlich die Schönwetterphase mit wieder zweistelligen Temperaturen – was bleibt ist der Schotter auf der nun mehr staubigen Straße – sobald ein Auto vorbei fährt sieht man erstmal nichts. Oder einen von häufig ein bis zwei Dutzend Tourenradfahrern, die uns auf der beliebten Carretera Austral entgegenkommen. Von der organisierten Mountainbiketour mit Gepäcktransport im Begleitfahrzeug bis hin Pärchen, die die gesamte Panamerikana ab Kanada unter die Räder genommen haben oder schon seit einigen Jahren (teils mit Hund im Anhänger) um die Welt fahren, Genussradlern und internationalen Grüppchen, die „nur“ die Ruta 7 fahren ist alles dabei. Besonders beeindruckend ist die Ausrüstung eines tschechischen Pärchens: Zu Beginn ihrer Tour in Bolivien kauften sie selbst gebaute/geschweißte Gepäckträger und „Radtaschen“ aus Plastikcontainern, die sind ganz sicher wasserfest.

Der Tagesschnitt liegt an den folgenden Tagen – der Piste und Versorgungspunkten entsprechend zwischen 60 und 80 Kilometern. Und dennoch zeigt der Tacho Anfang Januar bald schon Kilometer 2000 seit Beginn der Tour.

In Puerto Rio Tranquilo legen wir nach einer Woche den ersten Ruhetag ein um am nächsten Morgen die Marmorhöhlen (Cavernas de la Marmol) zu besichtigen. Die Felsausspülungen können per Kajak (mit vorherigem Motorbootshuttle) oder kleinem Motorboot besucht werden – knapp 70 EUR für 2 h Kajak sind jedoch keine wahre Option und wir entscheiden uns für die motorisierte Variante mit Erklärungen des Bootsführers zu einem fünftel des Preises. Ungefähr 10 Passagiere passen auf die kleinen Boote, die gerade so ein-zwei Bootslängen in die „Höhlen“ einfahren können. Auf der Fahrt zu den Felsen und zurück geben die Bootsführer mächtig Gas und heizen über die Wellen – nicht umsonst bekommt jeder eine Plane als Spritzschutz. Die Höhlen und Felsenformationen sind sehr hübsch anzusehen. Trotz angenehmer Lufttemperatur ist auch dieser See jedoch zu frisch zum Baden.

Auffällig sind die vielen Baustellen in den kleinen Ortschaften – überall entstehen Cabanas und andere Unterkünfte – scheinbar erwartet man einen großen Touristenansturm. In Cerro Castillo endet endlich der Asphalt – nicht jedoch, ohne dass die Straßenarbeiter nochmal die größten auffindbaren Flußkiesel auf einer Länge von 30 km möglichst lose und gern auch an Anstiegen auf die Straße gebracht haben. Trotz halbwegs breiter Reifen ist es kaum möglich, im Sattel zu bleiben – ständig werde ich von großen Steinen ausgehebelt, versinke im tiefen Schotter oder komme wie beim Aquaplaning (nur gänzlich ohne Wasser) schlicht von der Straße ab. Am späten Nachmittag habe ich genug von Staub und Schotter und kann einen Pickup anhalten. Drei Bauingenieure nehmen mich freundlicherweise die letzten 15 km mit bis in den Ort, wo am Straßenrand in beide Richtungen jeweils zehn Backpacker auf eine Mitfahrgelegenheit hoffen – der Verkehr ist spärlich, viele stehen über Stunden in der Sonne. Andreas quält sich derweil weiter über die Piste und erreicht das Camp als mein Zelt schon steht und ich gerade aus der Dusche komme. Fritz hatte ich für ihn als Wegweiser zum Camp an der Abfahrt der Hauptstraße angeschlossen. In Cerro Castillo soll man wunderbar wandern können, der namensgebende Berggipfel in Burgform ähnelt jenen im Torres del Paine sowie dem Fitz Roy. Am besten ist jedoch die Dusche am Campingplatz: Warm, ausnahmsweise mit vernünftigem Wasserdruck. Da wir die vollausgestattete Küche des nebenan liegenden Hostels nutzen können und dort sogar noch etwas Mehl im Regal auffindbar ist, gibt es am Morgen Eierkuchen – eine willkommene Abwechslung zu Haferbrei und Müsli.

Mit Beginn des Asphalts erreichen wir endlich wieder normale Reisegeschwindigkeit – um die 18-20 km/h, wenn kein starker Wind weht. Aber auch neue Höhen werden erreicht: Es geht von circa 400 auf bis zu 1.100 Meter hinauf. Fast 20 Kilometer ist die folgende Abfahrt lang – nur von kurzen Zwischenanstiegen unterbrochen. Knapp weitere 100 km werden es am nächsten Tag nach Coyhaique – der einzigen Großstadt auf der Carretera Austral. Leider nimmt nun auch der Wind wieder zu. Aus Seitenwind wird Gegenwind mit 40/50 km/h – nach dem Mittag rasen wir mit 7 km/h der Stadt entgegen, bergab auf langem Abfahrten sogar mit furiosen 10 km/h. Laut Vorhersage sind noch stärkere Winde zu erwarten und Regenwolken ziehen auf. Auch heute wird Fritz für die letzten 15 km auf eine Ladefläche verfrachtet. Andreas beißt sich wieder durch und kommt gut drei Stunden nach mir im Hostel (einer in den Ferien zur Herberge umfunktionierten Schule) an. Zu der Zeit bäckt längst mein Brot im Kochtopf auf dem großen Gasherd. Dass die Röhre ist nicht nutzbar ist, sah ich leider erst als der Teig längst geknetet war. Coyhaique bietet nach zwei Wochen auf der Ruta 7 wieder vollen Service: Vom großen Unimarc-Supermarkt bin ich nach all den kleinen Kiosken mit überschaubarem Angebot total überfordert, zwei von fünf Radläden haben tatsächlich geöffnet und ich kann endlich die Schaltung nachstellen und mein Hinterrad zentrieren lassen. Ansonsten das übliche Pausentagprogramm: Wäsche waschen, Ort erkunden, Vorräte aufstocken, es gibt Eis, Backwaren, viel frisches Obst und Gemüse und andere Leckereien, die auf der Straße angeboten werden.

Bis zum 15. Januar fuhren Andreas und ich noch gemeinsam weiter – teils freiwillig über Schotter und durch kilometerlange Baustellen, um größere zwar asphaltierte aber verkehrsreiche Umwege und noch mehr Gegenwind zu vermeiden. Die Landschaft mit zahlreichen Naturreservaten, wilden Lupinenfeldern und Fuchsien blieb jedoch unverändert großartig. Immer wieder fühlen wir uns an Neuseeland erinnert – auch Andreas fuhr dort vor einigen Jahren für ein paar Wochen. In Villa Amengual verpassen wir uns schließlich zur verabredeten Pause, wenige Kilometer weiter endet mein Radtag am brandneuen Campingplatz einer jungen Familie – mit Pie de Limon, Lagerfeuer und mit rauschendem Fluß in der nebenan gelegenen Schlucht. Über zwei Wochen später treffen wir uns wie verabredet in Bariloche wieder – Andreas kurbelte an diesem Tag noch etliche Kilometer weiter über den 800 Meter hohen Schotterpass zum Queluat-Nationalpark und wie geplant die nächsten Tage weiter auf der Carretera nach Norden – den Erdrutsch umging er später im kleinen Boot. Für mich geht die Reise am 17. Januar hingegen von Puerto Cisnes per Fähre nach Quellon auf die normalerweise regenreiche Insel Chiloe. Auf der Fähre treffe ich Engländer wieder, die mir auf Feuerland entgegen kamen.

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