20. – 29.12.2017 Torres, temporäres Tourette und Happy End

In Punta Arenas bleiben wir zwei Nächte – Regen und starker Wind verzögern die Weiterfahrt. Genug Zeit zum Vorräte aufstocken und Spazieren, die Küche im Hostel ist auch ganz brauchbar. Unverständlich jedoch einer Zimmergenossin aus Leipzig über vergangene Reisen: Thailand war ihr zu warm und feucht, auf den Gallapagosinseln gab´s 9 Tage lang nur Tiere zu sehen und am Strand lagen lauter Leguane, die auch noch rochen – nicht mal baden könne man da. Ohne Worte. Entlang der Küste geht es gegen 8 teils auf Radwegen und im fließenden Verkehr aus der Stadt heraus. Meine Sattelstütze scheint nicht ganz fest zu halten, Ersatzschrauben sind aber dabei. Andreas muss nach wenigen Kilometern Schlauch und Mantel am Vorderrad wechseln – dies zeichnete sich aber schon länger ab, mit gleich vier Ersatzreifen ist er gut ausgestattet, im Schnitt muss er alle 2000 km mindestens einen Mantel wechseln.

Bei 10 Grad und zunehmendem Wind – seitlich und von vorn geht es mit 12 km/h voran. 18 Uhr erreichen wir Villa Tehuelche – die einzige nennenswerte Anhäufung von Häusern auf dem Weg nach Puerto Natales. Vom Campingplatz ist nichts zu sehen, die Hosteria ist nicht ausgewiesen, leider auch nicht das Sportzentrum mit (laut GPS) Sauna, wo wir hofften duschen zu können. Stattdessen gibt es aber eine (geschlossene) Bibliothek, einen Kiosk und einen Imbiss mit Empanadas und dergleichen. Am Verwaltungsgebäude trifft sich die Gemeinde und bereitet das Weihnachtsgrillen im großen Maßstab vor UND direkt gegenüber steht die beste Bushaltestelle der Welt: winddicht verglast und groß genug um locker uns zwei mit Rädern und den schon vor Ort eingerichteten Peter zu beherbergen. Peter kommt aus der Gegenrichtung und beendet seine Tour in Punta Arenas. Beim einzigen Trampversuch mit Rad hatte er Glück: Auf der Ladefläche sitzend überschlug sich „sein“ Pickup nach einem Reifenplatzer und landete auf dem Dach – eine kleine Delle am Stahlrahmen des Rades war der einzige Schaden – nicht mal einen Kratzer hat er. Beim Anblick der Fotos steht fest: Die Ladefläche ist für folgende Autostopps keine Option.

Gemeinsam kochen wir auf unseren Gaskochern – je 300-500 Gramm Reis bzw. Nudeln, dazu gab´s noch einen Burger vom Imbiss. Dennoch schweifen unsere Blicke regelmäßig zum großen Grill hinüber. Beim Abwasch im „Rathaus“ werden wir schließlich „gebeten“ zum Grillen hinzuzukommen. Uns werden Lamm von der nächsten Estancia, Huhn, Apfelwein, Rum und Softdrinks gereicht – in rohen Mengen und immer wieder. Es wird ein lustiger und unvergesslicher Abend mit wenigen Brocken Spanisch, dem Bürgermeister, der etwas Deutsch spricht, den Gemeindearbeitern und deren Familien. Wir posieren für die obligatorischen Fotos, loben immer wieder den herausragenden chilenischen Fußballspieler Arturo Vidal und sind beflissen, nicht unhöflich zu sein und so viel zu essen, wie wir schaffen. Auch die Herausforderung des Trinkens aus dem Ledersack meistern wir zum Erstaunen dieser unglaublich netten Menschen. Spät am Abend ziehen wir uns in unsere Hütte zurück, nicht ohne noch etwas für den Weg in die Hand gedrückt zu bekommen. Vollgefressen schlafen wir selig, warm, trocken und windgeschützt in der Bushaltestelle – für die kleine Gemeinde und deren Einwohner wohl kein ungwohnter Anblick.

Der nächste Tag lässt nur 50 km auf dem Rad zu – zu stark sind die Seitenwinde und als die Straße vollends gen Westen biegt, ist an ein Vorankommen nicht mehr zu denken (Gegenwind mit 11 – 18 m / Sek). Bis Puerto Natales kommt auch keine weitere Siedlung, die erreichbar wäre. Wir stoppen an einem Polizeiposten und nutzen die kleine Bushaltestelle als Pausenpunkt. In der Umgebung gibt es ein paar alte Verschläge am Fluß, die als windgeschützte Unterkunft herhalten könnten. Am Horizont regnet es bereits aus dicken Wolken. Zwei Farmarbeiter gesellen sich zu uns – auch auf dem Weg nach Puerto Natales, allerdings mit dem Bus, der 1,5 h später fahren soll. Gemeinsam schauen wir aus dem Fenster die Straße hinunter, bei jedem nach einem Pick-Up aussehenden Fahrzeug stelle ich mich in den Wind an die Straße und versuche mein Glück. Viel Verkehr gibt es nicht, Wägen mit freier Ladefläche und Platz im Inneren auch nicht. Quasi zeitgleich mit dem Bus hält ein Amerikaner aus San Francisco. Bill hoffte, dass mit mir eine hübsche, weibliche Begleitung aus dem Wartehäuschen in seinen Wagen steigen würde, nimmt mich und den so gar nicht weiblichen Andreas aber dennoch mit bis Puerto Natales. Die Fahrt ist kurzweilig, Bill ein angeblicher Frauenheld, der gern Lenkdrachen steigen lässt und die Landschaft wird hügeliger mit feinen Bergen links und rechts des Tals. Nach gut 1,5 h erreichen wir den Ort mit extrem hoher Outdoorladendichte und suchen uns ein nahezu leeres Hostel mit wunderbarem Frühstück (Brot, Rührei, Müsli, Joghurt…). Im Radladen bekomme ich den richtigen Ersatz für meine zerbrochene Schraube an der Sattelstütze. Wir bleiben noch eine weitere Nacht, nehmen an einer unterhaltsamen Infostunde zum Nationalpark (tägl. 15 Uhr im Erratic Rock – Ausrüstungsverleih) teil, genießen guten Kaffee, stocken wie immer in den Städten Vorräte auf und nutzen die Möglichkeit, mal wieder frisches Obst und Gemüse zu bekommen.

Heiligabend geht es weiter Richtung Torres del Paine Nationalpark – ein Stück am windigen See entlang, dann auf der Ruta 9 bis zum Abzweig zur Riesenfaultierhöhle. Die Straßensperrung der Y290 und die ausgewiesene längere Umleitung über schlimmen Schotter ignorieren wir und fahren mal wieder über eine für den weiteren Straßenausbau vorbereitete Piste. Die 200 Meter tiefe, 80 Meter breite und 30 Meter hohe Faultierhöhle nutzen wir zur Mittagsrast und posieren neben dem Modell des gut vier Meter langen (bzw. stehend hohen) Faultiers. Auf Schotter geht es wellig und mit später starkem Seiten- und Gegenwind Richtung Nationalpark – vorbei an Seen und Bergketten. Bushaltestellen dienen auch heute zur Rast bei kurzen Regenschauern, in deren Nähe finden wir Calafate – blaubeerartige Früchte mit vielen Kernen, die man ausspuckt – die an hohen Sträuchern wachsen. Abseits der seltenen Haltestellen bietet nur selten ein Baum etwas Schutz vor dem Wind. Die Sattelstütze bekomme ich leider immer noch nicht richtig arretiert, bei jedem Schlag der unebenen Straße rutscht der Sattel ein wenig weiter runter, was das Vorankommen weiter erschwert.

Direkt vor dem Parkeingang erwartet uns ein schöner Campingplatz am Fluß – mit Strom, überdachten Tischen und ausreichend Platz. Nur die versprochene warme Dusche bleibt kalt. Eiskalt. Weihnachten feiern wir mit Dosentunfisch, Vollkornriegel, Schokokuchen und ein bisschen Weihnachtsdeko. Bei Sonnenuntergang um 23 Uhr schlafen wir bereits – wie so oft.

Zum ersten Weihnachtsfeiertag geht es in den Park hinein – die Türme des Torres del Paine werden sichtbar, ein Stück Gletscher am Horizont, malerische Seen an denen die Straße direkt vorbei und dann wieder in die Hügel führt. Zum Glück haben wir Rückenwind, das ständige Auf und Ab der Straße und teils sehr grober Schotter (mancherorts faustgroße Flußsteine) erschweren das Vorankommen aber erheblich, noch dazu mit zu tief sitzendem Sattel. Die sicher lohnenden Tageswanderungen entlang des Weges lassen wir aus – am anderen Ende des Parks haben wir bereits den Zeltplatz gebucht und eine Wanderung geplant. Für die nur 60 km durch den Park zum Campingplatz Torres Central benötigen wir sechs Stunden – und auch heute gibt es kaum Windschutz für eine Pause. Andreas hat gleich zwei platte Reifen zu flicken.

Für zwei Nächte bleiben wir auf dem Campingplatz am Fuß des Hauptberges. Wanderer, die hier die viertägige W- oder die 7-9-tägige O-Wanderung beenden, lassen Nudeln, Reis, Tütensuppen, Gas, Riegel und Nüsse bei den Rangern zur freien Verfügung zurück. Ein kleiner Kiosk hat zudem Eier und ein paar Äpfel im Angebot. Wir essen an diesen Tagen gut und günstig, die Jagd nach kostenfreier Nahrung wird zum vergnüglichen Sport, jeder Fund wird stolz präsentiert und aufgeteilt. Im Tausch geben wir einige nicht benötigte Klamotten in den Tauschkasten, die nach kurzer Zeit schon neue Besitzer finden. Die Wanderung zum Aussichtspunkt des Cerro Torres ist wunderschön – meist durch das Tal des Flußes, mal im freien Gelände, mal im Wald, am Ende über Geröll und Schutt steil den Berg hinauf – dies ist der anstrengendere Teil mit mehr Wind. Am Ziel thronen die Felsspitzen oberhalb des kleinen Bergsees. Auf dem Rückweg überholen uns Gauchos mit Transportpferden, die zur Versorgung der beiden Rangerstationen bzw. Campingplätze entlang des Weges eingesetzt werden. Die 8 km je Richtung werden offiziell mit 4 h Gehzeit angegeben – wohl für all jene, die in Flipflops, Wintermantel, mit Keilabsatz, Kind auf dem Rücken oder verstauchtem Knöchel und ohne Wasserflasche den Weg antreten – Vertreter dieser Spezies begegneten uns leider auch auf dem subalpinen Weg. Ohne Hast und mit Pausen reichten mir ca. 2,5 h auf dem Hinweg und knapp 2 h zurück – so bleibt ausreichend Zeit, um am Zeltplatz endlich die Sattelstütze vernünftig zu fixieren und das Gepäck zu sortieren.

Am 27. Dezember werden wir vom Rückenwind aus dem Nationalparks getrieben, am Kragen einige sanftere Hügel hinauf gezerrt und außer Landes gepeitscht: Nach 10 km endet der Nationalpark und auch der Schotter – endlich wieder Asphalt! Ein paar nette Aussichtspunkte mit Blick zurück auf den Park gibt es noch. Das 60 km entfernte Cerro Castillo erreichen wir am frühen Nachmittag – hier könnten wir vielleicht ein Bett finden, der Kiosk gibt immerhin etwas Brot und Obst sowie Kekse und ein Eis her, ansonsten bietet der Grenzort aber nichts. Wir entscheiden uns, den Rückenwind zu nutzen und weitere 50 km nach Tapi Aike zu fahren – an der dortigen Tankstelle soll man campen, duschen und essen können, sogar von Internet ist an mancher Stelle die Rede. Wir reisen aus Chile aus – die Frage des Beamten nach Zollpapieren für die Räder müssen wir verneinen, nie etwas davon gehört. Nach dem argentinischen Grenzposten geht es nochmal 10 km auf schlimmen Kies, dann jedoch mit Wind von schräg hinten auf Asphalt. Bei den starken Böen ist Vorsicht geboten – häufig brauchen wir unsere ganze Fahrspur um den Seitenwind auszugleichen. Bis auf 1,5 km am Berg gegen den Wind treibt uns dieser gut voran. Nach dem Pass geht es mit vollem Rückenwind und selten unter 40 km/h durch Pampa mit silbern leuchtendem Gras und Bergpanorama. Tapi Aike kommt bald in Sicht. Das Zelt dürfen wir hinter der Straßenwacht aufbauen. Dusche, Toilette, Essen: Fehlanzeige! Etwas Trinkwasser für unsere Flaschen bekommen wir noch, kaufen Limonade, Salzgebäck – mehr hat die Tanke allerdings auch nicht zu bieten – mit Ausnahme von gekochtem Guanakofleisch fragwürdiger Herkunft für 13 EUR pro Glas. Wir lehnen dankend ab, kochen und verziehen uns ins Zelt. Der folgende Donnerstag wird zum Tourettetag: Anfangs noch ruhig geht um Punkt 10 Uhr wieder die Windmaschine an – nun allerdings fast ausschließlich von der Seite. Die Piste, ein Abschnitt der alten Ruta Nacional 40, jetzt Ruta Regional 7, fährt sich äußerst Bescheiden: loser Schotter, Waschbrett, Steine mal wieder faustgroß … Wir treffen zwei Amerikaner aus deren Lautsprecher am Lenker Phil Collins dröhnt: „ohhh … think twice … it´s just another day for you and me in paradise“ – heute irgendwie nicht. Der Wind wird stärker, alle viertel Stunde kommt mal ein Auto vorbei. Eine der vorderen Radtaschen löst sich wegen der Huckelpiste häufiger vom Lowrider. Gegen Mittag ist an Fahren nicht mehr zu denken – 12 km schieben wir, dieser Tag geht als Tourettetag in das Tourtagebuch ein – doch jedes Fluchen hilft nicht. In der Mittagspause repariere ich die Taschenhalterung und weiter geht es – bergauf, bergab, geradeaus – zum Großteil geschoben. Die Seitenwinde drücken uns immer wieder in den losen Kies am Straßenrand, noch 25 km (von knapp 70 km) bis zum Ende des Schotters. Beim nächsten Windschutz müssten wir campen und am nächsten Morgen vor dem Wind versuchen vom Abschnitt herunterzukommen. Nach etlichen Familienkutschen kommt endlich doch noch ein Pick-Up, den ich anhalten kann. Er fährt vor und wartet dann an einer besseren Stelle – nach etwa einem Kilometer – bei der verlassenen Polizeistation, unserer geplanten Notübernachtungsoption – holen wir ihn wieder ein und dürfen unsere Räder samt Gepäck auf der Ladefläche verstauen. Andreas und ich finden gerade noch auf der Rückbank Platz. Endlich geht es raus aus dem Wind, runter vom Schotter – die Beifahrerin verteilt mehrere Runden köstlichen Maté und wir fahren nach El Calafate. Lediglich ein Flaschenhalter war den heutigen Vibrationen des Schotters am Rad und auf der Ladefläche nicht gewachsen und bricht. Ersatz gibt es beim nächsten Stopp. Auch dieses Mal haben wir Glück und sind dankbar für die Hilfsbereitschaft der Argentinier. In Calafate checken wir in ein Hostel mit vergleichsweise grandiosem Frühstück ein (Eierkuchen, Rührei…) und schmieden Pläne für die nächsten Tage. Angesichts der weiteren reinen Westrichtung der Straße nach El Chalten entscheiden wir uns, diesen Abschnitt per Bus zu überwinden. Tickets buchen wir schon für den nächsten Tag. Außer Supermärkten, Bäckereien und Möglichkeiten die Gletscher zu besuchen oder zu reiten bietet El Calafate nicht sonderlich viel. Dank einer Mountainbike-Gruppe im Hostel gibt es auch reichlich Auswahl an Radkartons zur Verpackung der Räder. Die letzten beiden Tage des Jahres verbringen wir in der kleinen Stadt El Chalten mit Bäckereivergleichen, Wanderungen zum Lago Torres (9 km je Richtung) und Fitz Roy (10 km je Richtung) – jeweils mit 8-10 Stunden angegeben, stellen sich diese Wege doch wesentlich leichter dar – nach knapp der Hälfte der angegebenen Zeit bin ich zurück im Ort. Die großzügigen Zeitangaben sind sicher den vielen mit vollem Gepäck wandernden Menschen aller Fitness- und Ausrüstungsstufen geschuldet. Die Aussichtspunkte jedoch lohnen den Weg absolut. Die Gipfel türmen sich, teils schneebedeckt und mit darunter liegendem See und nur einige Wolken winden sich in diesen Höhen rund um die Felsen.

Am betont unaufgeregtem Silvesterabend schaffen wir es mit Mühe bis Mitternacht wach zu bleiben – wir wünschen allen „Feliz Ano“ und gehen ins Bett. Am 1. Januar geht es über Schotter zum Lago Desierto, an den darauf folgenden Tagen über steile Wanderwege (mit Rad) und eine weitere Fähre nach Villa O´Higgins – und schon sind wir wieder in Chile.

13. – 20.12. Zum Ende der Welt und zurück

Von Rio Grande geht es die gut 110 km nach Tolhuin – günstiger Wind auf den meisten Streckenabschnitten, etwas Küste, etwas mehr Hügel und nach 50 Tageskilometern endlich wieder ein Baum – anfangs nur Totholz, dann Wald – die Pampa ist vorbei, welch Wohltag für´s Auge. Unterwegs treffe ich auch endlich wieder Toureros – ein kanadisches Pärchen auf dem Weg nach Norden (ihr Tag 3 auf der Panamericana) und im famosen Casa de Ciclista an der Bäckerei „La Union“ in Tolhuin zwei Tschechen (Ü65), ebenfalls auf dem Weg Richtung Norden. Das Feriendorf Tolhuin bietet Supermarkt, Aussteigerhütten, sehr viele, charmante Cabanas und einen alternativen Campingplatz errichtet aus recycelten Bohlen sowie Paletten direkt am See Lago Fagnano. Zuvorderst aber eben „La Union“ – hunderte, tausende Radler (und Wanderer / Tramper) nächtigten hier bereits im Raum neben dem Mehllager – oder in einem zusätzlichen Raum im Untergeschoss – und genossen die Gastfreundschaft der Bäckerei, Gebäck, Brot, Schokolade. Das für die Unterkunft gesparte Geld wird sehr sehr gern an der Theke für Backwerk und Nascherei ausgegeben. Am improvisierten Abendbrottisch mit fauchenden Gaskochern treffen sich am zweiten Abend des Hanuka-Festes so zwei Physiotherapeutinnen aus den Golanhöhen, ein Schweizer (der Ushuaia schnell wieder verließ, weil´s da nur aussieht wie daheim), zwei witzige Tschechen (die Englisch mit einem Witzebuch – Tschechisch-Englisch lernen)  und ein zotteliger Deutscher, allesamt selig, eine Dusche und ein Dach über dem Kopf zu haben.

Die letzten 100 km nach Ushuaia beginne ich entlang des Sees, über den mir Wellen entgegen schlagen – heute also schön gegen den Wind. Die Ruta 3 kurvt entlang des Seeufers, mit kurzen Abstechern nach Osten, um dann in Gegenwindrichtung und wellig zurückzukommen. Nach nicht ganz der Hälfte der Tagesetappe beginnt der ca. 5 km lange Aufstieg zum Passo Garibaldi – 420 Meter über Null. Die Aussichten ins Tal belohnen die Mühe, kurze Schauer mit Graupel, Regen und Hagel wechseln sich mit Sonne und Nebel bei 5-10 Grad Lufttemperatur ab. Nach einer halben Stunde ist dann auch dieser erste echte „Berg“ kurbelnd bezwungen und es geht bergab – mit sagenhaften 14 km/h mit Treten und Gegenwind. Viel Bremsen muss ich also nicht. Im anderen Tal gibt es immer schönere Aussichten auf die umliegenden, schneebedeckten Berge, erste Wintersportresorts mit Skiliften, Snowmobilen, Huskies säumen den Straßenrand, wenn nicht gerade ein verwunschener Wald bis an den Asphalt heranreicht bis sich das Auenland öffnet. Just bei Kilometer 1.000 auf dem Tacho ergibt sich die Gelegenheit für einen wärmenden Kaffee im Wintersportparadies. Die letzten 20 km geht es dann vollends gegen den Wind – wie, als wenn mir die Ankunft am „Ende der Welt“ nicht vergönnt wird. Mit 10 km/h geht es voran, auch die abschüssige Straße sorgt nicht für wesentliche Beschleunigung bis schließlich das Eingangsportal der Stadt in Sicht kommt. Durch den Containerhafen und über manch steile Hangstraße geht es noch gut 8 Kilometer ans andere Ende der Stadt zum Hostel. Das Bett, die Wärme und der freundliche Empfang sind eine wahre Wohltat.

Ein paar Tage verbringe ich am „Tor zur Antarktis“ – nach einem kurzen Abstecher zum Nationalparkeingang treffe ich in der Stadt Andreas – der fuhr die knallharte Ruta 40 von Bariloche in knapp 3 Wochen bis hierunter – 140er Tagesschnitt durch die Pampa, respekt! Gemeinsam suchen wir nach Optionen wieder nach Norden zu gelangen – via Fähre für 125 US$ nach Puerto Williams (die noch südlichere chilenische Stadt am anderen Ufer des Beagle Kanals) und per Autofähre für weiterer 180 US$ nach Punta Arenas, per günstigeren Bus 10 h ebenso dahin oder 5 Tage gegen den Wind auf bereits bekannten Pisten und zwei Rädern zurück zum Festland. Die sicher schöne Fähre fährt erst am 23.12. wieder und ob sie fährt, erfährt man erst einen Tag zuvor. Auf eine Routendopplung haben wir beide wenig Lust und Bus Sur kann uns dieses Mal die Radmitnahme garantieren – ohne Kartonpflicht – und entsprechende Plätze reservieren. Am 19.12. geht´s also weiter. Der Versuchung, zum Schnäppchenpreis in die Antarktis zu fahren, widerstehen wir gerade so. Ab 6.500 US$ hätten wir uns für 9 Tage an Bord eines „Expeditionsschiffes“ (eher ein mittelgroßer Kreuzfahrer) begeben können. Oder für nur 12.000 auf die längere Tour über drei Wochen. Manch anderer lässt sich verlocken und bucht spontan im Reisebüro. Das Reisebudget für ein halbes (bzw. ganzes) Jahr – wooooosh, schon ist es von der Kreditkarte runter. Dann fahren wir doch lieber für knapp 50 EUR nach Punta Arenas und später deutlich länger deutlich weiter durch die Länder des Kontinents.

Bis dahin verbringen wir einen Ruhetag mit Café, Souveniershops, dem Museum zum Ende der Welt, der Suche nach geeigneten Packplanen für die Räder (schließlich im Abfall gefunden) und einem Kameraladen in der Stadt. Sonntag bringt uns die Paludine mit Motor und Segelkraft sowie nur 6 weiteren Passagieren und zwei Crewmitgliedern auf den Beagle-Kanal – Albatrosse, verschiedene Kormorane, Magellanpinguine, ein Königspinguin, Robben besuchen wir. Dabei fährt das Boot bis auf wenige Meter an die jeweiligen Inseln heran – ohne die Tierchen zu stören. Zudem gibt es tolle Sicht auf beide Ufer des Beagle-Kanals, Inseln, Kreuzfahrer. Nach 4 Stunden auf dem Wasser, heißer Schokolade und Keksen geht es per Shuttle zurück in den Ort. Am letzten Tag vor der Abfahrt geht es die obligatorischen 20 km zum Ende der Ruta 3 – letztlich ein unspektakulärer Parkplatz im Nationalpark, aber weiter südlich geht es auf Straßen nicht auf argentinischem Staatsgebiet. Der Tag ist sonnig, mit 8 Grad fast schon warm und noch im Nationalpark erklimmen wir den Cerro Guanako – auf 900 Höhenmeter geht es hinauf – binnen 4 km vom Seelevel durch Wald, sumpfige Wiesen, kleine Schneefelder und den steinigen Weg zum Grat hinauf. Die angegebenen 4 Stunden je Richtung wurden von der Nationalparkverwaltung wohl sehr vorsichtig geschätzt. Oder wir sind einfach dolle Hirsche: Nach 2,5 h sind wir oben. Der Abstieg nimmt genauso lange in Anspruch, aber zuvor wird das Rundumpanorama genossen – auf die Stadt, die Seen, die Berge, den Beagle-Kanal. Leichten (starken) Muskelkater verspüre ich noch in Punta Arenas. Die Weiterfahrt von dort verzögert sich wegen starken Regens und Wind mit bis zu 50 km/h aus der Gegenrichtung. Punta Arenas ist jedoch niedlich anzuschauen – endlich eine Stadt, die den Namen verdient. Unser Zimmer liegt über einem Tangoclub mit Livemusik, man findet alle Geschäfte im Ort, imponierende Gebäude aus der Kolonialzeit, Apfelstrudel mit Sahne und heiße Schokolade. Zudem auch Museen, Nachbauten alter Schiffe und einen wohl hübschen Friedhof – all dies sparen wir uns aber und ruhen uns aus. Am 21.12. fahren wir weiter nach Norden. Weihnachten sollten wir am Torres del Paine Nationalpark bzw. Puerto Natales sein (250 km) – ggfs. im Zelt. Die kommenden Tage erwartet uns also Wind aus der Hauptrichtung – West/Nordwest. Wie oft, schön von vorn. Bis Ende Januar hoffen wir auf der Carretera Austral nach etwa 1.800 km San Carlos Bariloche zu erreichen, von dort geht Andreas´ Flieger in die Heimat.

8.12. – 12.12. Wind, Wellen, Weideland

8.12. – 12.12. Rio Gallegos – Cerro Sombrero – Rio Grande (Bilder folgen bei Gelegenheit)

Aus der Abfahrt am 7. Dezember wurde nichts – nach Frühstück und Tee kam ich mit Tempo 8 – 10 km/h genau 5 km weit – bis an die Grenze des Industriegebiets am Ende der Stadt, bevor es mich förmlich vom Rad blies. Starker Seitenwind machte ein (sicheres) Fahren unmöglich, noch dazu sollte sich die Route später genau in den Wind (weiter nach Westen) drehen, dazu Schauer – keine Chance 120 KM bis zur Fähre zu gelangen. Trampen funktioniert heute auch nicht, ohne Windschutz zu warten ist zudem extrem unangenehm – im Wind reißt bzw. bricht der Ständer von Fritz – Gewicht, Wind und Alter (seit Neuseeland im Einsatz) machen auch dem stärksten Ständer den Gar aus. Wenn´s so bleibt, muss Ushuaia von der Zielliste genommen werden. Gegen Mittag bin ich zurück in der Innenstadt, wärme mich in einer Tankstelle auf und suche ein Hotel, um am nächsten Morgen wirklich um 8 Uhr auf´s Rad steigen zu können. Die freundliche Einladung eines jungen Motorradfahrers bei ihm unterzukommen schlage ich dankend aus, brauche heute mal Ruhe. Fritz übernachtet sicher in der Waschküche des Hotels. Schade: Die Dusche gibt nur kaltes Wasser ab.

Am nächsten Tag geht’s nach kleinem Frühstück im Hotel wieder auf´s Rad. Punkt 8 geht’s los mit Umweg über einen Bäcker – Sandwiches, Pan Dulce als kleines Mitbringsel für die nächsten Gastgeber (leider schon recht trocken, wie sich später herausstellt, aber schön anzusehen). Ein alter Hippie freut sich über mein Rad und macht gleich Fotos vom voll beladenen Fritz – vier Radtaschen, der Rucksack mit Zelt, Schlafsack, Isomatte und obendrauf neun Liter Wasser und Limo – sieht man hier vielleicht nicht so oft. Wer sich fragt, wie viel Masse das sein mag: die vier Taschen (Küche & Bad, Werkstatt/Ersatzteile & sonstige Ausrüstung, Klamotten (von kurzer Hose bis zum warmen Handschuh), Büro & Technik sowie Zelt, Wanderschuhe etc) wiegen ungefähr 35-40 Kilogramm, hinzu kommen Wasser (9 Liter) und Verpflegung – circa 3 Kilo, Fritz wiegt um die 18 Kilo. Zusammen mit mir rollen also um die 140 Kilo Systemgewicht über die Pisten. Weniger wäre schön, ist momentan aber kaum umzusetzen.

Die verschobene Abfahrt hat sich gelohnt – mit Wind aus Nordwest geht es gut voran, unterbrochen nur von einer Polizeikontrolle und den notwendigen stündlichen Pausen. Nach 65 Kilometern ist die Grenze nach Chile erreicht – Einwanderungsbehörde, Zoll und Landwirtschaftsbehörde checken die Papiere und auch (recht oberflächlich) das Gepäck. Frischobst, Wurst etc. hatte ich vorher vertilgt, meine Nüsse kann ich zum Glück behalten, die Chiasamen werden auch nicht beanstandet bzw. übersehen. An der Grenze gibt es noch ein schönes Mittag und kurzen Schnack mit chinesischen Motorradfahrern, die gerade ihre Panamericana-Tour beenden. Nach einer Stunde geht’s weiter. Hinter der Grenze Rückenwind, Abfahrten – so kann´s gern weitergehen!

Später ziehen jedoch Wolken auf, der Wind kommt stärker von der Seite und es schauert – die Regengarnitur kommt erstmals zum Einsatz. Über sanfte Hügel und die üblich karge Landschaft geht es bis zum Abzweig des Fähranlegers – wider Erwarten gibt es hier 20 km vor der Fähre doch noch eine kleine Siedlung mit ausgeschriebenem Hotel, welches ich heute aber nicht in Anspruch nehmen muss. Von da an ist es ein Genuss: Reiner Rückenwind, 16 km mit 30 km/h und einigen schönen Abfahrten. Ein VW-Bulli aus Pirna überholt mich – es ist immer wieder witzig, am anderen Ende der Welt europäische Kennzeichen zu sehen.

15.45 Uhr erreiche ich den Fähranleger von Punta Delgada – mit Bistro/Restaurant, Hosteria, kleinem Supermarkt und Klos mit Duschen wunderbar ausgebaut. Nach einem Kaffee mit deutschen Motorradfahrern setze ich über – 20 Minuten über die Magelanstraße, für Fußgänger und Radfahrer kostenfrei.

Die gegenüberliegende Seite(Bahia Azul) ist nicht ganz so gut ausgebaut, aber ich darf vor der Info und der kleinen Polizeistation zelten und den warmen Warteraum mit TV und altem PC bis 21 Uhr nutzen, mich sogar in der Damendusche waschen – die andere ist geschlossen. Auch hier gibt es wieder nur kaltes Wasser, das nach 5 Minuten ganz ausbleibt, aber besser als nichts. Die nette Kollegin der Info gibt mir für den Abend sogar noch den WIFI-Code des Verwaltungsnetzwerks, ein wunderbarer und sicherer Platz zum Campen, vor allem windgeschützt – der Wind frischt auf – 40 km/h laut App, für morgen ist Gleiches vorausgesagt mit Sturmböen bis 85 km/h, kann ja heiter werden!

Am nächsten Morgen (9. Dezember) packe ich früh das Zelt zusammen, frühstücke im Warteraum und starte gegen 9 Uhr – noch vor der ersten Fähre in Richtung Cerro Sombrero – bei KM 53 der Ruta 257 soll die Estancia von Valentina, meiner nächsten Couchsurferin sein – ein vermeintlich kurzer Tag mit 43 km, jedoch auch zunehmendem Seitenwind und Schauern. An den Zäunen entlang der Straße ist fast jeder Kilometer angezeichnet, teils sogar alle hundert Meter. Die verbleibene Distanz hat man also ständig vor Augen. Mittags erreiche ich Kilometer 52, trinke Kaffee im einzigen Restaurant – 5 Kilometer vor dem durch die Gasförderung geprägtem Dorf Cerro Sombrero. Valentina kehrt erst nachmittags zurück, also fahre ich erst mal in den Ort – eine Siedlung aus scheinbar sozialistischer Prägung: Ein Kino (bei nichtmal 5.000 Einwohnern, eine Begegnungsstätte/Club Social, kleiner Markt, ein Flugplatz, Werkstätten, Arbeitersiedlungen, Sportplatz und Gemeinschaftsgarten, Tankstelle, zwei Hosterias, Verwaltung, ein Krankenhaus und die neu erbaute Regionalschule mit Internat – alles im Betonbaustil der siebziger Jahre – am heutigen Samstag sehe ich genau sieben Menschen auf den Straßen. Auch die (heute jedoch geschlossene) Touristinfo mit luxuriösem öffentlichen WC ist brandneu. Im Vorraum dessen kann ich mich aufwärmen und habe sogar WIFI zum Zeitvertreib. Auch heute habe ich Glück: Valentina schreibt mir, sie wäre ohnehin gerade an der Klinik und könnte mich mitnehmen – Fritz kommt also mal wieder auf die Ladefläche eines Pickups und ein Missverständnis klärt sich auf: Die Estancia ist zwar am Kilometer 53, allerdings der geschotterten Ruta 259 (nicht 257) – und damit 60 Kilometer weiter in der Prärie, pardon, Pampa. Welch glückliche Fügung für mich! Die eigentliche Schaffarm ist in der Nähe des Punta Cataluna mit 6000 Schafen. Dort holen wir Umberto, Valentinas Sohn und die Hütehunde ab. Nach einem Braten zum frühen Abend geht’s dann eine weitere Stunde über Schotterstraßen nach Hause – die Distanzen sind hier einfach andere. Am Abend gibt’s dann „richtig“ Essen – Lammbraten ab 23:30 Uhr. Bis 2 Uhr halte ich durch, bevor ich mich auf meine gemütliche Couch am Gaskamin zurückziehe. Der Rest der (erwachsenen) Familie sitzt noch bis 5 bei Mate und „Germania“-Import-Bier aus Österreich in der Küche zusammen. Sonntag ist Ruhetag, Zeit, die Taschen zu sortieren, am Nachmittag geht’s dann nochmal nach Cerro Sombrero: Der Sohn hat heute Geburtstag und im Gemeindezentrum gibt’s einen schönen Kindergeburtstag mit Pinata und jeder Menge Essen. Valentina kocht und bäckt fabelhaft und ich kann jede Menge Energie tanken – nachdem ich die ungefähr 4.000 Kalorien pro (langem) Radtag erwähnte, bekomme ich ständig Essen gereicht. Gefällt mir! Im Tausch gebe ich Lungenkraft für die Geburtstagsluftballons und wir tauschen ein bisschen Musik aus.

Am Morgen herzlicher Abschied von der Estancia, natürlich nicht ohne selbstgebackene Brötchen von Valentina als Proviant. 60 km Schotter bis zur Grenze. Allerdings ist dieser lockerer als gedacht, der Weg kurviger und welliger als vermutet – höchste Konzentration beim Fahren ist notwendig. Wahrscheinlich hätte ich den Tag so an der Grenze beendet, wenn nicht der zwei Mal pro Woche verkehrende Minibus vorbeigekommen wäre und anbot, mich mitzunehmen. Mit mir als einzigem Fahrgast geht es nun für drei Euro binnen einer Stunde (statt 5-6) zur chilenischen Grenze. Wunderbar. Von hier aus sind es noch 11 km bis zum argentinischen Grenzposten San Sebastian und ab dort nochmal gut 80 asphaltierte Kilometer bis Rio Grande. Mittag an der Grenze und los geht’s – heute wieder mit astreinem Rückenwind (zumindest meistens) auf der frisch asphaltierten Ruta 3. Gegen 15.30 Uhr erreiche ich die Industriestadt Rio Grande – mit zunehmendem Feierabendverkehr , Knast und jeder Menge militärischer Devotionalien inkl. Pappkameraden und Wandmalereien am Straßenrand, die an den Falklandkrieg erinnern. Am Abend beziehe ich die gemütliche Couch in Giselas zweiter Wohnung, stocke Vorräte auf, koche, schlafe. Morgen wird Wäsche gewaschen, das viel gerühmte patagonische Eis gegessen und weitere Gastgeber entlang der Route angeschrieben. Rund 250 km bis Feuerland, 110 km bis zur tollen Bäckerei mit Casa Ciclista in Tolhuin – das Ende der Welt rückt in greifbare Nähe. Weiter soll´s am 13. Dezember gehen. Ushuaia wird also noch vor Weihnachten erreicht (und wahrscheinlich auch schon wieder verlassen).

3.12. – 6.12. Fluch und Segen

Sonntagmorgen ging es mit starkem Wind aus der Stadt – Helmkappe für die Ohren, Jacke, Bein- und Armlinge sowie das zweite Tuch wurden dringend gebraucht, Handschuhe sowieso.

125 km bis Comandante Luis Piedra Buena – der letzten Stadt für eine ganze Weile.

8:30 Uhr geht’s los. Der Rückenwind hilft – 20 km/h sind kein Problem, auf langen Geraden in Windrichtung gern auch 30 km/h, Abfahrten bieten dann immerhin 50 – 60 km/h – schneller muss es auch nicht sein. Sobald die Straße jedoch leicht abbiegt, hat man den vollen Wind von der Seite. 15 – 20 km/h sind dann zwar noch möglich, aber angenehm ist es nicht. 56 km vor dem Ziel dreht der Wind dann vollends auf Seitwind. Hier holt mich während einer Pause aus dem Nichts ein Rennradfahrer ein, mit nur einer Trinkflasche ausgestattet. Wo kommt der auf einmal her? Wo will der hin? Scheinbar auch nach Puedrobuena und zurück – voll gegen den Wind! 25 km vor dem Ziel kommt er mir am Berg entgegen und bittet um Wasser. Ich habe genug und gebe gern ab, aber der arme Kerl hat noch einen heftigen Ritt vor sich!

Unterwegs werde ich viel angehupt und freundlich gegrüßt – nur wenige Idioten hupen mich tatsächlich von der Straße, weichen nicht aus, bremsen kaum oder gar nicht ab, obwohl Platz und freie Sicht ist. Den Vogel schießen aber zwei Mädels ab: Fahren langsam mit Warnblink hinter mir her – überholen nicht, trotz Gewinke und Platz. Also, anhalten – vielleicht wollen sie mir ja Wasser geben? Aber nein, sie gucken und tuckern weiter, beschleunigen dann wieder, während ich erstmal wieder Tempo aufnehmen muss.

In Piedrabuena dient die Tankstelle wieder als Infopunkt mit WIFI und Tee. Ein paar kleine Jungs beäugen neugierig den voll beladenen Fritz, ein älterer Herr gratuliert mir zur Etappe… Unterkünfte scheinen jedoch rar gesät. Immerhin soll es günstiges Camping, Cabanas (Hütten) und eine Hosteria auf der Insula Pavon inmitten des Flußes geben. Klingt nett, sieht auch schön aus, aber dieses Wochenende ist hier jedes Bett belegt. Ich wähle das Zelt, 200$ für eine Nacht (mit Tisch und Grill sonst 400) und Warmwasser nur bis 18 Uhr – also noch eine Stunde. Nach dem Zeltaufbau sollte es immernoch 30 min lang Warmwasser geben, aber denkste: Aqua fria ist das einzige, dass aus der Dusche kommt. Egal, Hauptsache duschen. Die Anlage ist schön gepflegt, Heißwasser für Thermoskannen und den obligatorischen Maté kann man direkt am Trinkwasserbrunnen zapfen. Am Ufer werden von einer Familie zwei Schafshälften über offenem Feuer gegrillt – DAS ist also echtes Asado. Irgendwoher kommt laute Musik, aber der Tag war lang genug, ich schlafe schnell und tief.

  1. Dezember – 100 km nach Lemarchand – Gegenwind

Am Morgen geht’s los – Gegenwind aus Süd/Südost ist angesagt. 100 km bis Lemarchand – das ist genau genommen eine Hosteria mit Benzin, mehr nicht. Die wohl einzige Unterkunft vor Rio Gallegos und Guer Aike (abgesehen von weiter entfernten Estancias und einer an der Ruta 3, 60 km hinter Lemarchand.

Am Abzweig nach Puerto Santa Cruz kann ich nochmal die Vorräte mit Pastetchen und Kuchen auffüllen – Gold wert, wie sich später rausstellt. 5,5 Liter Wasser und Limo sind am Rad, das sollte reichen. In Lemarchand kann ich dann auffüllen und vielleicht einen Ruhetag einlegen – soweit der Plan. Die ersten 15 km habe ich wider Erwarten seitlichen Rückenwind und reise mit angenehmen 20 km/h, dann dreht jedoch die Straße – von hier an gibt es nur noch Gegenwind – frontal oder schräg von rechts mit durchschnittlich 8-16 m/ Sekunde, am Berg genauso wie in der Ebene.

So geht es mit 6-8 km/h bergauf in den Nationalpark Monte Leon, und mit 10-12 km/h durch unendliche Ebenen. Auf Abfahrten mit 3 % Gefälle erreiche ich mit Treten 18 km/h. Nach dem Mittag wird der Wind noch stärker – Spaß macht das nicht. Statt stündlich muss ich halbstündlich halten um Energie zu mir zu nehmen. 16 Uhr – noch 30 km. Zum Glück entscheide ich mich dagegen, diese Etappe zu teilen und fahre weiter. Sonnenuntergang ist circa 21.30 Uhr, also genug Zeit. Wenn die Kräfte reichen.

19 Uhr – die letzten Kilometer waren besonders hart, aber endlich bin ich auf dem letzten Kilometer. Die Oberschenkel sind fest und schmerzen. Ein rotes Haus kommt in Sicht – aber merkwürdigerweise nur ein Autotransporter davor, der schon bald weiterfährt. Als ich näher komme sehe ich: Das Ding ist zu, geschlossen, verrammelt, gar eingezäunt! Sch… In den Flaschen habe ich noch einen dreiviertel Liter Wasser. Essen reichlich. Was nun? Hier gibt es keine windgeschützte Campingmöglichkeit. Weiterfahren und Suchen? Oder hier bleiben, wo ab und an Trucker Pause machen? Der Versuch zu Trampen scheitert – um die Zeit ist kaum jemand in meine Richtung unterwegs, nur zwei Pick-Ups fahren an mir vorbei, dazu Trucks ohne Ladefläche (die offiziell ohnehin niemanden mitnehmen dürfen) und PKW. Die ausgewiesenen Farms liegen mindestens 30 km abseits der Straße, über Schotterwege unerreichbar. Auf dem Parkplatz habe ich dann Glück: Ich frage nach Wasser und bekomme: 1 Liter Wasser, 1 Liter O-Saft, Oreo-Kekse und von einem anderen Fahrer nochmal 1,5 Liter Wasser – das würde für die Nacht reichen, um ggfs. morgen zu trampen oder die 60 km zur nächsten bekannten Estancia zu kommen. Noch wertvoller aber der Hinweis auf Ototelo Aike – 10 km weiter südlich.

Dort gäbe es große Gebäude. Auf dem Navi sind dort zumindest Wendekreise eingezeichnet. Es ist 20 Uhr – ich entscheide mich nach Ototelo zu fahren um dort nach Campingmöglichkeiten Ausschau zu halten. 20.45 Uhr kommen Häuser in Sicht: Wirtschaftsgebäude, ein Wohnhaus und sogar eine Abfahrt dorthin. Das erste gepflegte Wohnhaus mit Garten ist leer – aber Fahrzeuge stehen rum, der Generator läuft, ein Hund ist vor Ort. Ein Stück bergauf stehen weitere Wirtschaftsgebäude – auch hier ein Pickup, aber niemand zu sehen. Ich klopfe an verschlossene Türen, eine jedoch ist offen: Dort steht Brot und Aufstrich (der wie Götterspeise aussieht) auf dem Tisch – hier muss also jemand sein. Ich suche weiter und finde endlich den Farmarbeiter Eduardo: Ich erkläre meine Not und frage, ob ich campen dürfte. Stattdessen zeigt er mir eine Gemeinschaftsunterkunft (scheinbar für die Helfer zur Schafschur) mit Holzpritschen, warmer Dusche, großer Küche… er heizt den Gasofen an und verschwindet um kurz darauf mit einer Matratze zurückzukommen. Ein Engel. Ich darf bleiben. Es gibt nach wie vor keinen Mobilfunk, aber Strom. Und von nebenan holt Eduardo auch noch hausgebackenes Brot. Ich kann mein Glück kaum fassen.

Total fertig aber glücklich und wahnsinnig dankbar nehme ich die Dusche und Koche Unmengen Reis mit Erbsensuppe. Dazu gibt es Brot, Salami, Leberwurst und einen schönen Sonnenuntergang über dem Tal. Für die Beine gibt es Voltaren und eine kleine Massage. Morgen früh entscheide ich, ob bzw. wie weit ich weiter fahre.

Dienstag, 5. Dezember

Um 6.30 Uhr weckt mich die Sonne. Option 1: 60 km bis zur nächsten Estancia fahren. Option 2: 100 km bis Guer Aike. Option 3: 130 km bis Rio Gallegos – Optionen 2 und 3 sind aber nur mit starkem Rückenwind möglich und nach der gestrigen Etappe eigentlich nicht machbar.

Im Tal scheint kaum Wind zu sein – Bäume zum Prüfen gibt es nicht, aber es rüttelt auch nicht am Haus. 8.30 Uhr fahre ich vom Hof und komme erst auf eine wunderbare Abfahrt und dann in den Genuss von Rückenwind. Geradem, starkem Rückenwind. Es geht gut voran und Guer Aike ist gegen 15 Uhr erreicht. Hier könnte ich campen, am Campingplatz soll es auch einen Kiosk geben. Allerdings fühle ich mich trotz schrägem Gegenwind und steilen Anstiegen auf den letzten 10 km überraschend fit UND nach Rio Gallegos geht es laut Karte gerade aus nach Osten – 30 km in Windrichtung. Nach Abstecher auf den Aussichtspunkt fällt die Entscheidung: Es geht weiter, ich nutze den Wind: Auf der je Richtung zweispurig ausgebauten Autobahn mit Seitenstreifen geht es mit über 30 km/h, teils 40 km/h wunderbar voran – nach 50 Minuten bin ich in der Hafenstadt und erreichen Cecilias Haus. Den Kontakt hatte mir Francesco aus Comodoro vermittelt. 100 Meter vom Wasser entfernt darf ich hier meinen Ruhetag verbringen und werde gut gefüttert. Noch knapp 600 km bis zum „Fin del Mundo“

 

 

Morgen, am 7. Dezember, geht’s weiter. Erst zum Lago Azul – einen wassergefüllten Krater, 60 km südlich von Rio Gallegos, dann zur Chilenischen Grenze und Fähre nach Feuerland. Zuvor müssen noch alle Früchte und Milchprodukte aufgebraucht werden, an der Grenze werden diese sonst konfisziert. Bis San Sebastian sind es 280 km – allerdings teilweise auf Schotter, gut möglich, dass ich 3-4 Tage bis dorthin benötige. Nächste Städte in mehreren Etappen sind dann Rio Grande (100 km weiter), Tolhuin (weitere 130 km) und Ushuaia (letzte 110 km).

 

27.11. – 1.12. Retiro zum Abgewöhnen – erste Radtage zum Eingewöhnen

Montag, 27. November

Heute sollte mich der Bus mitsamt Fritz nach Comodoro Rivadavia bringen – das Fahrrad voraus zu senden kommt nach Erfahrungsberichten anderer Radfahrer nicht in Frage. Ich will Fritz unbedingt im gleichen Bus haben. Nach Aussage der Mitarbeiter am Infoschalter von Condor Estrella am Busbahnhof Retiro auch kein Problem, solange das Rad in einem Karton ist. Die 15 kg Freigepäck, die auf dem Ticket genannt werden, sehe ich beim Anblick anderer Busreisender als symbolisch an. Mit Hilfe July finde ich einen Radladen, der einen entsprechenden Karton hat – Vorderrad, Hinterrad und Lowrider müssen ausgebaut werden, Pedale ab, Lenker quer, Sattel runter – soweit kein Problem. Mit „Fragil“-Aufklebern und meinen Daten versehen scheint der Transport sicher. Zum Bahnhof „Retiro“ geht’s per Radiotaxi – natürlich mit Aufschlag für das Mehrgepäck, aber dafür kommen wir gut an. July hilft mir noch tragen, bevor sie zu Terminen muss. Darum sind wir auch schon 4 h vor Abfahrt am Bahnhof. Der Bus kommt 12.40 Uhr, in zwei Gängen bringe ich Radkarton, Radtaschen und Rucksack zum Bus – neben mir ein Asiate mit drei großen Taschen… beide werden wir jedoch angewiesen, dass unser Gepäck zuletzt eingepackt werden würde. Die 50 Pesos für den Packer habe ich schon bereit, nur leider wird der Bus voll – immer weniger Raum bleibt im schlecht gepackten Gepäckabteil – Riesenrucksäcke und Rollkoffer oder auch zwei pro Person landen dort… Und dann: „NO“ – mein Gepäck wird nicht mitgenommen, das des Asiaten auch nicht. Schöner Sch… es folgen Diskussionen mit dem Busfahrer, aber es ist definitiv kein Platz. Während die Begleitung des Chinesen auf die Taschen schaut, lasse ich mein Ticket (kostenfrei) umschreiben – von Condor Estrella auf Andesmar – deren Bus fährt um 19 Uhr. Am Schalter wird mir versichert, dass auch der Karton mitkäme, ich solle diesen im Untergeschoss anmelden… Zur Sicherheit bitte ich July nochmal zu kommen. Denn im Erdgeschoss nimmt man mir den Radkarton nicht ab. 16 Uhr kommt July – und kann klären: Es kommt alles mit, wenn ich extra 700$ an den Packer zahle (ein Vielfaches des Üblichen – die meisten Fahrgäste reichen 10-20 $ je Tasche) – offiziell dürfe das Rad so nicht mitgenommen werden, aber wo 700$ sind, ist auch ein Weg. Gesagt getan, die Wartezeit wird mit Pizza verkürzt. Angeblich sei die Polizei mit manchem Gauner am Bahnhof verbunden, die Taschen werden also nicht aus dem Blick gelassen.

18:45 Uhr der Bus kommt. Und es geht gut. Alles wird verstaut, der Radkarton liegt gut mit nur wenigen Taschen darauf, die Schaltung etc. habe ich ohnehin extra gepolstert. Auch das chinesische Pärchen ist an Bord – ihre Taschen checkten sie vorher ein, mit je 32 kg und zusätzlichem Gepäck – da sind meine 40 kg Gepäck und Fritz mit ~ 18 kg doch ein Klacks!

Einziger Wermutstropfen: Kein Essen & Trinken im Bus – am ersten Stop decke ich mich daher nochmal mit Sandwiches ein und auf geht’s zur 25 h Fahrt. Beim Blick aus dem Fenster bin ich froh, diese Strecke nicht mit Rad gefahren zu sein – so bleiben mir 2-3 Wochen öde Pampa erspart, in Patagonien habe ich noch genug davon. Sträucher, einzelne Grasbüchel und Steinwüsten ziehen am Fenster vorbei. Jeder Stop wird genutzt um die Beine zu vertreten, im Fernsehen laufen Romantic-Comedys und Actionfilme mit spanischem Untertitel, die Klimaanlage ist wie immer gnadenlos kalt eingestellt.

Am nächsten Tag kommen wir um 20 Uhr in Comodoro Rivadavia an – eine Industriegroßstadt geprägt durch Öl, Gas und ein wenig Windenergie, im März noch von Sturm, Flut und Schlammlawinen heimgesucht – hier und da sieht man dies auch noch. Während der Wartezeit im Busbahnhof konnte ich meinen Couchsurfing-Host wechseln – statt das Rad zu montieren und noch 16 km nach Rada Tilly zu fahren, bleibe ich in der Stadt. Francesco holt mich mit seinem Jeep ab, das Rad kommt auf´s Dach, die Taschen in den Kofferraum – nicht der erste (und nicht der letzte) erstaunte Blick bzgl. des Umfangs meiner Ausrüstung. Doof nur: Im Kofferraum ist irgendwas über eine meiner Radtaschen gelaufen – leider kein Kaffee, wie erst vermutet, sondern irgendetwas ätzendes, dass die Isolierschicht beschädigt und sich nicht abwaschen lässt. In den Folgetagen wird die Stärke des Schadens deutlich. Werde die Tasche wohl spätestens nach Feuerland ersetzen – bevor es in die nassen Gegenden geht.

Francescos Familie empfängt mich, ihren ersten Couchsurfer, sehr herzlich – ich bekomme das Zimmer des „kleinen“, Classic-Rock-liebenden Bruders – Sebastian, der in der Zeit zu seiner Freundin zieht. Noch während ich das Rad montiere, werde ich eingeladen, eine Nacht länger zu bleiben, so könnte man noch die Stadt und Rada Tilly am nächsten Tag erkunden. Ich nehme dankend an. Vom Schrauben geht’s direkt an den Esstisch: Empanadas und sauerbratenähnliches Fleisch in Fischsauce – sehr lecker, sehr viel, sehr gut! Francesco, Max (der ältere Bruder, der auch Deutsch spricht), Sebastian, die jeweiligen Freundinnen, der Vati und Mutti Cecilia versorgen mich mit Energie, so gut es geht unterhalten wir uns über die geplante Tour und Musik – die Jungs schwärmen von „Accept“ einer deutschen Rockband, kennt die jemand? Ich bislang nicht. Am Wochenende kommt dann auch noch Apocalyptica nach Comodoro – das werde ich leider verpassen, schade.

Francesco hat gerade zwei Wochen frei, da er im Schichtbetrieb bei der staatlichen Ölfirma an einer Fracking-Station arbeitet – zwei Wochen Arbeit, zwei Wochen frei. Wunderbar. Wir laden die Räder auf den Jeep und fahren nach Rada Tilly – das Miami Beach Argentiniens. Strandvillen, breiter Strand mit Promenade, eine schöne Bucht und der kalte Atlantik, schön hier. Mit den Rädern geht’s den Strand entlang und letztlich den Berg hinauf zum Punto Marquez – eine Naturschutzstation im Reservat mit Ausblick auf die Seelöwenkolonie am Fuße der Klippen und die weiten des Atlantik. Irgendwo da draußen ziehen auch zwei Wale Richtung Peninsula Valdez, sind jedoch kaum auszumachen. Ein toller Ausflug!

Zurück in der Stadt werden Vorräte gebunkert. „Benzina“ für meinen Kocher gibt es leider auch hier nicht – es wird also erstmal mit Gas und NAFTA (bleifreies Benzin von der Tankstelle) gekocht. Am Nachmittag besichtige ich das Petrol-Museum von YPF, der staatlichen Ölfirma – gut gemacht und natürlich wird die Firmengeschichte ausführlich dargestellt. Im Ort scheint YPF zudem viel zu sponsern, unter anderem den Sportclub.

In der gut sortierten Hobbywerkstatt des Vaters finden wir eine passende Schraube für meine Clickpedalschuhe und nicht nur das: Ich werde noch dazu mit einer zweiten Sonnenbrille und Warnweste, am nächsten Tag zusätzlich mit Proviant, Klopapier und mehr ausgestattet.

22 Uhr – Zeit für das Abendbrot – Pizza, ein Familienburger und ebenso wunderbarer Nachtisch erwarten uns.

Am nächsten Tag soll es nach dem Frühstück losgehen – der Fürsorge noch nicht genug lassen Francesco und seine Mutter es sich nicht nehmen, mich bis Rada Tilly „über den ersten Berg“ zu bringen. Das klappt auch fast, bis der Verkehr kurz vor dem Ziel stoppt: Schwarzer Rauch, Polizei, ein Unfall? Nein: „Un March“ – Arbeiter protestieren mit Straßensperre und brennendem Reifen. Autos kommen nicht durch. Francesco hält jedoch Rücksprache mit dem Streikposten und Typen mit Fahrrad dürfen natürlich passieren. Nach herzlicher Verabschiedung geht’s nun also los, die ersten wackligen Meter unter Anfeuerung der streikenden Arbeiter und den ersten Berg hinauf – die ersten hundert Meter solle ich zur Sicherheit nicht anhalten. Aber mir will keiner was, alles gut. Dank Straßensperre hält sich der Verkehr anfangs in Grenzen. Auf der Abfahrt schwankt das Rad – die Gewichtsverteilung ist noch nicht optimal. Nach Rejustierung von Rucksack und Wasserflaschen liegt das Rad jedoch wesentlich stabiler auf der Straße. Tagesziel: Caleta Olivia – knapp 75 km weiter südlich. Dort erwartet mich Mauro von Warmshowers.

Der Weg dorthin ist trotz einiger Anstiege auf 200 m traumhaft: Immer wieder nah am Meer entlang, mit Panoramaausblick von kleinen Bergen aus. Und: Die Ruta Nacional 3 wird wohl auf 41 km erneuert – parallel zur aktuellen Straße gibt es somit bis zu vier für den Verkehr noch gesperrte Spuren, ab und an durch Kieshaufen oder einige hundert Meter Schotter unterbrochen. Eröffnet werden soll diese neue Piste 2017 – ich glaube aber nicht, dass dies bis Jahresende erfolgt. Markierungen fehlen, gegen Ende auch noch einige Kilometer Asphalt und an mancher Stelle bröckelt ebendieser schon wieder. An vielen Stellen sieht man kleine Gedenkstätten. Häufig insbesondere für die auf einer Reise verdurstete Frau, deren Baby lebend gefunden wurde, an der Brust der Muter saugend. An diesen Gedenkstellen ist es Brauch, Flaschen mit Wasser abzulegen (siehe Galerie).

Für mich ist es jedenfalls der größte Radweg der Welt – rechts Pampa, links, teils weniger als 100 Meter entfernt, das Meer, nirgends Schatten. Die „große“ Mittagspause wird daher in einem Wasserrohr unter der Straße abgehalten – da gibt es Schatten. Außer zwei verlassenen Gebäuden am Straßenrand gab es zuvor nichts. Kurz vor Caleta gibt es dann nochmal Seerobben, die scheinbar die Angler am Ufer ärgern und dabei ihren Spaß haben. Auf den Abschnitten abseits meines privaten Highways merkt man die Wucht der LKW: Unabhängig davon, dass einige kaum Platz lassen, geschweige denn abbremsen (der Großteil verhält sich aber rücksichtsvoll und bei Verkehr von hinten und Gegenverkehr weicht man eh in den Schotter aus), ist deren Sogkraft beim Überholen sehr stark. Entgegenkommende LKW schieben dafür solche Luftmassen vor sich hin, dass man abrupt abgebremst wird. Zur Sicherheit clicke ich dann lieber die Pedale aus und schalte runter, um besser ausbalancieren zu können. Die auf Luftdruck basierende Höhenmessung des Radcomputers wird dabei so stark irritiert, dass auf gerader Strecke bei Begegnung mit Trucks kurzzeitig bis zu 4% Steigung angezeigt werden (dabei zieht der Tacho den Durchschnitt der letzten 50 – 100 Meter).

Am Nachmittag komme ich in Caleta Olivia an – kleiner als Comodoro, aber mit Promenade und etlichen Kötern, die mich auf den letzten Metern ankläffen und verfolgen – kein Spaß und gerade in den hügeligen Straßen gäbe es auch keine Chance, den Viechern zu entkommen. Kaum ist einer abgeschüttelt, wartet schon der nächste. Aber Hunde die bellen … so auch heute.

Mauro empfängt mich mit Tee, wir Teilen unser Obst, später noch Gebäck. Sein Kumpel, der auf seine erste Radtour spart kommt vorbei. Mauro arbeitet nur halbtags, um sich die restliche Zeit im freien Kulturzentrum zu engagieren, sich um seinen kleinen improvisierten Garten zu kümmern und vermutlich auch um an seinen Rädern zu schrauben. Er interessiert sich sehr für den Greifswalder Kulturkalender, da er eine Kulturplattform für Caleta auf die Beine stellen will. Später fahren wir noch zur Promenade und schauen uns das Kulturzentrum an. Der Sonnenuntergang am Wasser ist traumhaft, an den Riffen gibt es wohl Austern, die Flut kommt gerade wieder. Später wird noch am kleinen Gewächshaus gegrillt bevor ich mich in Mauros Hängematte im Wohnzimmer zur Nacht bette.

 

Am Morgen letzte Besorgungen – Ersatz für eine gebrochene Schnalle an einer der Radtaschen wird benötigt. Nach dem Mittag breche ich auf – 75 km bis Fitz Roy, Rückenwind wurde vorher gesagt. Mauro begleitet mich auf seinem Rad noch bis zur Stadtgrenze. Am Anfang gibt es noch ein paar Ölpumpen, die Straße führt entlang der Küste, biegt dann aber bald ins Landesinnere ab. Dank Rückenwind sind auch die Sog- und Druckwirkungen der LKWs weniger schlimm.

Fitz Roy ist der letzte „Ort“ für die nächsten paar Hundert Kilometer. Danch folgen noch die Tankstelle mit Hotel Tres Cerros (ca. 130 km) und nach weiteren 130 km dann Puerto San Julian – wieder mit Supermarkt etc.

Gegen 18 Uhr erreiche ich die Ortschaft, in der Tankstelle gibt es Tee und WIFI – fast schon ein Ritual. Statt eines als günstig angepriesenen Hostels finde ich nur Cabanas – ab 20 EUR, einen Minishop mit Zimmern um die 18 EUR und neben der „Touristinfo“ den Campingplatz. Vollkommen leer werde ich dort wohl zum ersten Gast der Saison. Gesellschaft bietet mir ein Hund, dem ich aber kein erhofftes Leckerlie reichen kann. Die Dusche im Sanitärverschlag bietet kaltes Wasser und wurde wohl schon länger nicht mehr benutzt geschweige denn gepflegt. Die Toilette … funktioniert immerhin. Auch ohne Klobrille.

Immerhin gibt es große Kabelrollen aus Holz als Tische und Bänke sowie am wichtigsten: etwas Windschutz für das Zelt. Der Kocher wird eingeweiht und bald schon geht’s bei einstelligen Außentemperaturen in den daunengefüllten Schlafsack. Der nächste Tag ist als Ruhetag geplant – sehr starker Südwind lässt nicht ans Weiterfahren denken – nicht für 130 km, nicht bei ungesicherter Versorgungslage.

Buenos Aires

Zurück in Buenos Aires buche ich erstmal eine Woche Sprachkurs – zumindest ein bisschen mehr Grundwortschatz hoffe ich so zu erlernen, bevor es losgeht. Tito, Julietas Zapatero (Schuhmacher) des Vertrauens, klebt meine Wanderschuhsohle innerhalb eines Tages für wenig Geld und freut sich über seinen ersten Kunden aus dem Land Michael Schumachers.
Nun gilt es noch die nächsten potentiellen Gastgeber entlang der Route anzuschreiben, Gaskartuschen (check), Sonnenbrille (check), Kameratasche, Sandalen und Vorräte zu besorgen sowie den Bus nach Süden zu buchen. Wahrscheinlich muss ich das Rad für den Transport zerlegen (Lenker quer, Pedale ab, Räder und Lowrider/den vorderen Gepäckträger runter). Ich hoffe, Folie reicht als Verpackung aus und ich bekomme alle Radtaschen mit in den Bus. Informationen dazu findet man kaum, also probiere ich es einfach so.
So wie es aktuell aussieht, überspringe ich den geplanten Stopp an der Peninsula Valdes (bzw. Puerto Madryn mit Walen, Pinguinen, Seeelefanten) und versuche direkt nach Comodoro Rivadavia oder sogar Rio Gallegos zu kommen – mehrere hundert Kilometer weiter südlich, um dort auf´s Rad zu steigen. Anderenfalls müsste ich das Rad noch mehrmals zusammen und auseinander bauen, um auf die Halbinsel und von dort weiter zu kommen. Wale und Pinguine sah ich zudem schon in Neuseeland und ich möchte nicht nur Häkchen auf meiner Liste machen.
Wenn ich Weihnachten/Neujahr in Ushuaia sein will, sollte ich schließlich Anfang Dezember in Rivadavia starten – ich rechne nach bisherigen Beschreibungen und bei befürchtetem wechselndem Wind sicherheitshalber mit nur 400 km je Woche. Bei gleicher Geschwindigkeit schaffe ich es dann auch bis Anfang Februar sicher nach El Calafate.

In der Zwischenzeit will ich noch ein bisschen vom Jazzfestival mitbekommen, Palermo und einige Stadtparks ansehen – Puerto Madero, das frühere Hafengebiet habe ich nun schon gesehen – dort gibt es wie in Hamburg mittlerweile teure Wohn- und Bürogebäude (bzw. -türme) aber zumindest auch ein frei zugängliches Naturreservat (Reserva Ecológica), Sportflächen und eine Promenade mit vielen Buden. In San Telmo war heute „Buenos Aires Market“ mit StreetFoodTrucks, Kunst und Krempel im Park. Sehr gut auch das Eis – wahlweise in normalen Größen für 1-2 EUR, als 1/4 Kilo (2,50 EUR), 1/2 Kilo (4 EUR) oder Kilo /7,50 EUR) im Eisgeschäft des Vertrauens zu bekommen – oder man kennt die Eigentümer, wie Julietta und zahlt nur die Hälfte. Wahnsinnig lecker! Gibt´s jedoch nicht jeden Tag.

Aber ich merke, es wird Zeit auf´s Rad zu steigen – diese immer laute und wuselige Stadt (allein gestern: Jazzfestival, Gay Pride Parade, Straßenmärkte, in Unterwäsche tanzende Boybands auf der Promenade) … mit ihren Häuserschluchten erschlägt einen! So wunderschön manch Haus im Kolonialstil ist, so bedrückend sind die krassen Gegensätze mit Glas und Stahl, Architektursünden aber auch die Buden in den Armenvierteln. Schwerer als erwartet ist es an Cash zu kommen bzw. zu bezahlen – der Kreditkarteneinsatz in Geschäften ist oft auf Debit-Karten beschränkt, beim Abheben am Geldautomaten werden immer 105 Pesos (~5 EUR) Gebühr fällig und höchstens 2000 Pesos/100 EUR können auf einmal abgehoben werden. Meine tarjeta de credito bringt mir also wenig, da die Gebühren von den Banken vorgegeben werden. Bleibt noch der Geldwechsel an offiziellen und weniger offiziellen Stellen (Av. Florida – dort wird einem offen der Tausch zum minimal besseren Kurs (1:20,65 statt zu 20,20) angeboten – insbesondere, wenn man nicht sonderlich südamerikanisch aussieht. Die Zeiten des „DollarBlue“ mit deutlich besserem Wechselkurs sind jedoch vorbei. Nach der Herkunft des so offensichtlich gewaschenen Geldes fragt man besser nicht.
Ein paar Tipps erhielt ich heute noch von einem Radtourero, den ich auf der Straße traf und Ansprach – wie schon erfahren, kommt man in Argentinien wohl kaum an „Benzina“ – also Reinbenzin für den Kocher ran. Er fand auf seiner ganzen Tour von Brasilien bis Bariloche nichts. Bleiben mir also Gas (ein Butan/Propangemisch für knapp 2 Wochen habe ich in Kartuschenform dabei) und sonst nur NAFTA, das bleifreie (hoffentlich) Autobenzin. Die entsprechende Flasche für 400ml ist sowieso im Gepäck. Auf Diesel (in Argentinien „Gazolina“) will ich ungern zurückgreifen. Auch was die Wahl der Busfirma und einiges anderes angeht erhielt ich wertvolle Tipps. Auf der Fahrt nach Iguazu sah ich noch einen einsamen Pedallero auf der Fernstraße – ich bin also nicht allein 🙂

Gerade sitze ich in Palermo im Straßencafé und lade die vorgeschriebenen Texte hoch – ob es mit Bildern klappt ist bei der Verbindung fraglich. Zuvor konnte ich immerhin Sonnenbrille, Sandalen und Gaskartuschen besorgen. Im Parkhaus des Shoppingcenters kurzer Schockmoment: Fritz parkte ich extra im bewachten und eingezäunten Parkabteil für Fahr- und Motorräder – inkl. Aufnahme von Namen und Passnummer durch den Wachmann. Bei meiner Rückkehr war Fritz trotz zweier Schlösser nicht mehr da. Ein zweites Radparkdeck gab es nicht, der Wachmann nickte beim Anblick eines Fotos von Fritz, jedoch verstand ich nicht weiter. Beim zweiten Wachmann konnte dann mit Hilfe von googletranslate und einer Führung durch die Katakomben aufgeklärt werden: Fritz wurde sichergestellt, weil er zwar an sich angeschlossen, nicht jedoch an einem der Radständer gesichert war. Überglücklich nahm ich das Rad nach 20 Minuten Schweißausbruch wieder in Empfang. Argentinien scheint ZU sicher für mich zu sein 🙂

Super übrigens die Radwege / Bicisendas, soweit vorhanden: in beide Richtungen befahrbar, baulich getrennt und dennoch im Sichtfeld der Autofahrer. Mit Links vor Rechts und einhalten der Spuren gibt es ein paar Probleme – also gilt es zügig und dennoch defensiv zu fahren. Auf Einbahnstraßen (gern mal mit 6 Spuren) wie Kutschen und die Mülltrolleys (von Hand gezogene Rikschas/Karren für Karton) und alle anderen langsamen Teilnehmer links, bei Straßen mit Gegenverkehr rechts mit Abbiegen über den Zebrastreifen. Auch die OSMand-Navigationsapp findet die Bicisendas – funktioniert wunderbar.

Heute (20.11.) übrigens richtiger Regen und das nicht zu knapp… Die Tankstelle mit WiFi ist zum Glück nur 50 Meter entfernt, kann atmosphärisch mit Jazz, Schwanensee und anderen Klängen auf dem Hof des Wohnhauses (teils live aus den Wohnungen, teils vom Band) nicht ganz mithalten.

PS: Porto für einfache Postkarten: 85 Pesos – 4 EUR … dafür steht man aber immer schön in der Schlange, am Bus, bei der Post, in der Bank und auch beim Bäcker zieht man teilweise Wartenummern – wenn nur alles andere so geordnet und der Service entsprechend (schnell) wäre… Bienvenido a Manana-Land 🙂

 

PPS: 27.11. Letztes Update vor der Abfahrt – in der Tankstelle an der Ecke trifft man sich zum Fußballschauen oder Internetsurfen… morgen geht´s los 25 h Bus bis Comodoro Rivadavia – ab Buenos Aires ist das die Komplette Linie, ca. 1800 km. Aber immerhin im Cama-Bus – also mit Liegesessel. Fritz ist demontiert und eingepackt, wird hoffentlich vom Busfahrer pfleglich behandelt und überhaupt mitgenommen – so viel Platz ist in den Gepäckabteilen der Busse nicht. Am Busbahnhof wird er dann wieder zusammengebaut (Räder, Lowrider, Pedale, Lenker) und es sind Dienstagnachmittag nur 12 km bis Rada Tilly „dem südlichsten ausgebauten Seebad“ Argentiniens, des Kontinents, der Welt? Dort und einen Tag später in Caleta Olivia bleibe ich bei Warmshower/Couchsurfing-Hosts. Und danach … nicht viel. In Fitz Roy scheint es noch Tankstelle und Hostel zu geben. Danach folgen Tankstellen und Estancias in Tagesreisenabstand – sofern der Wind keinen Strich durch die Rechnung macht. Aktuell soll er laut Locals aus West / Südwest kommen – also schön von vorn. Schaun mer mal… soweit möglich melde ich mich bei der Familie per Kurznachricht, Blogeinträge wird´s aber wohl länger nicht geben können. Drückt die Daumen! Temperaturen scheinen am Anfang noch über 25 Grad zu sein (lt. Vorhersage), kein Regen, Wind um die 30 km/h, mal gucken, ob´s stimmt. Die Vorräte sind aufgestockt, Reis, Dosentuna, Suppenpulver, Haferflocken, Körner … „Steck mir Cracker in den Mund , Kling Klang, Fritz und ich, die Straße entlang. … Zwei Mal nach Feuerland bitte!“ (frei nach Keimzeit)

Statt ordentlichen Schlangen an Bushaltestellen und jeder Menge Verkehr werde ich dann hoffentlich wenigstens ein paar Autos pro Tag sehen. Wenn wegen Wind etc. gar nichts mehr geht – Daumen raus und hoffen, dass ein Pick-Up hält. Bevorzugt soll´s aber mit eigener Kraft gen Süden gehen. „Gooooooooooool“ – erklingt´s aus dem Fernseher … Zeit zu starten.

Cataratas Iguazu – 2. Teil – Brasilien

Am Mittwoch (15.11.17) fahren wir über die Grenze nach Brasilien um den dortigen Park zu besichtigen. Auch dieser ist touristisch stark ausgebaut, zahlreiche Touren (im Vogelpark, durch den Dschungel oder mit dem Boot, Rafting, Helikopter) können gebucht werden. Wir beschränken uns auf den schönen aber einfachen Weg entlang der Klippen hinunter zum Hauptfall. Auf diesem sieht man stets hinüber nach Argentinien, hat Aussichtsplattformen und kann die im Vergleich zu den Fällen winzig erscheinenden Boote im Flußbecken beobachten. Eine Kaskade reiht sich neben der nächsten, teils über mehrere Ebenen – der Panoramamodus der Kamera reicht nicht aus, um das Ausmaß dieses Ausblicks zu erfassen. Am Fuße des Weges angekommen gibt es nochmal Stege, die zwischen die Fälle führen, und Panoramaplattformen, die den Blick von oben ermöglichen.

Nachmittags kommen wir wieder im Hostel an – mit vier Stempeln mehr im Pass – jeweils für Aus- und Einreise von und nach Brasilien bzw. Argentinien. Vor der Rückfahrt entspannen wir noch am Pool, essen Empanadas und machen uns schließlich auf den Weg. Wie sich herausstellt, wird unser Busanbieter (Expresso Singer) deutlich häufiger kontrolliert als andere Unternehmen – somit stoppen wir an jeder Provinzgrenze, werden geweckt, Pässe und Gepäck kontrolliert – FÜNF Mal. Zudem werden auch mehr Haltepunkte angefahren, am Ende sind wir 21 Stunden statt 18 unterwegs bevor wir wieder in Bs.As. landen.

Cataratas Iguazu – 1. Teil – Argentinien

Nach der Landung mit der Maschine von Air Europa (eine Tochter von Iberia) in Buenos Aires mit schönem Hostel in der Innenstadt zog ich schon bald zu Julieta, meine erste Couchsurferin auf dieser Reise. Wir hatten uns schon länger verabredet, um gemeinsam zu den Wasserfällen (Cateratas) von Iguazu an der argentisch-brasilianischen Grenze zu fahren – dies aber noch per Bus (über 1000 km nördlich, 18 h Fahrtzeit / 1500 Pesos ~ 75 EUR je Richtung mit „Rio Uruquay“). Die Fahrt startet Sonntagabend am Retiro, dem großen Hauptbahnhof, entlang des Hafens und des Rio de la Plata durch die Vororte und letztlich durch schier endlose Ebenen. Je weiter es nach Norden geht, umso seltener werden richtige Straßen abseits der Hauptstraße: Häufig sind es nur Pisten, in den Dörfern stehen bäuerliche Hütten aus Holz und Blech neben Luxus-Herbergen für Touristen. Dafür wird die Vegetation üppiger, die Erde rot wie in Australien. Ein paar stolze Gauchos reiten parallel zur Autobahn entlang ihrer Weiden. Dank kostenlosem Upgrade reisen wir komfortabel im Cama-Sessel (statt Semi-Cama) – voll klappbare Ledersessel mit Beinfreiheit in denen man gut schlafen kann – mit Decke, Kissen und Bordservice wie im Flugzeug.
Der Ort Puerto Iguazu ist nicht weiter erwähnenswert. Das Iguazu Falls Hostel ist relativ günstig (12 EUR / p.N.), hat einen kleinen Pool, eine Außenküche und einen guten Eisladen direkt gegenüber. Wir kommen Montagmittag an und verbringen den restlichen Tag bei ca. 30 Grad am Pool.

Dienstagmorgen geht es per Bus zum argentinischen Ufer der Fälle – der dortige Park ist größer als der brasilianische Teil. Auch Paraquay grenzt an den Nationalpark, wird von uns aber nicht besucht. Die Hauptattraktion sind die Fälle, durch deren Mitte die Brasilianisch-Argentinische Grenze verläuft.
Wir laufen parallel zu den Gleisen der Parkeisenbahn zum „Garganta del Diablo“ (Teufelsschlund) dem vermeintlichen Highlight – man steht auf einem Steg direkt oberhalb eines hufeisenförmigen Falls, Wassernebel steigt auf, unglaubliche von der Erde braun gefärbte Wassermengen verschwinden im Nichts.

Zurück zum Parkzentrum geht es per Bummelzug und von dort weiter zu Fuß zum Cirquito Inferior – dem unteren Rundweg, den ich noch deutlich spannender finde. Häufig steht man vor oder neben riesigen Fällen, aufstobendes Wasser kühlt angenehm und Regenbögen erscheinen. Das Ausmaß dieser Fälle lässt sich kaum erahnen. Über hunderte Meter, wenn nicht sogar Kilometer, Breite stürzt das Wasser des Rio Iguazu bis zu 80 Meter tief ins Tal – mal idyllisch von Urwaldvegetation umgeben, mal in monströser Größe, immer röhrend. Der obere und der untere Weg schlängeln sich über Stege und Wege entlang der Fälle. An der Vielfalt und Gewalt kann man sich kaum satt sehen. Mitten im Fluß auf einem Stein: Schildkröten – ob die es wohl noch an Land schaffen? An anderer Stelle sieht man große geierartige Vögel, die sich am Ufer sammeln und über dem Wasser kreisen. Entlang der Wege begegnet man ab und an kleinen Affen und vor allem an den Picknicktischen frechen Nasenbären mit scharfen Klauen. An Wasserpfützen sieht man handtellergroße Schmetterlinge in blau und gelb – in diesem Klima gedeiht offensichtlich alles prächtig.

Wiederholt wird man SEHR nass – entweder an zahlreichen Plattformen vor einem Wasserfall oder am effektivsten im Speedboot, das einen direkt unterhalb der Fälle bringt, dort verweilt und einige Pirouetten dreht bevor man wieder ans Ufer gebracht wird – ein großer Spaß! Im Anschluss schaffen wir noch den sehr gut ausgebauten oberen Rundweg (Cirquito Superior) mit Panoramablicken auf die jeweils angrenzenden Fälle und Becken. Den je Richtung 3,5 km langen Weg zum Geheimtipp, einem Fall unter dem man direkt baden kann, schaffen wir leider nicht mehr, es ist schon später Nachmittag und man wird nach 15 Uhr nicht mehr dorthin gelassen. Auch die Insel San Martin zwischen den Fällen wird an diesem Tag, vermutlich wegen des Wasserstands, nicht angefahren. Dennoch ein tolles Erlebnis.

Der erste Beitrag…

für die Südamerika-Tour.

Ich übe noch mit WordPress, seht mir also bitte nach, wenn die Seiten nicht durchgestylt sind – werden sie wohl auch nie sein. Bilder lade ich nach und nach hoch – vorausgesetzt, ich finde eine stabile Verbindung.

11.11.2017
Liebe Leute, ich bin gelandet. Ich verlasse gleich meine erste Unterkunft in Buenos Aires und ziehe zu Julieta – eine nette Couchsurferin, mit der ich morgen Abend per Bus nach Iguazu zu den Wasserfällen aufbreche. Am 16.11. kommen wir zurück und ich plane dann noch eine Woche in B.A. zu sein, um den Bus nach Puerto Madryn (Peninsula Valdes) zu buchen und die notwendigen Vorbereitungen zu treffen. Auf Fotos müsst ihr vorerst noch warten, vielleicht(!) kann ich bis zur Abfahrt zur Peninsula aber noch etwas ergänzen.
Nachfolgend ein kurzer Überblick zur Anreise und den ersten Tagen in B.A.

8. November 2017
Um 3 Uhr klingelt der Wecker
4.24 geht der Zug nach Stralsund
5.30 per IC nach Frankfurt/Main zum Flughafen – Ankunft 13.45 Uhr
Abflug 19.15 Uhr mit Air Europa via Madrid nach Buenos Aires – Ankunft am 9. November 8.45 Uhr Ortszeit (12.45 Uhr in D)

 

FAST alles drauf.

Ist doch gar nicht viel 🙂

Pipi in den Augen – geht los

Umstieg in Madrid

 

 

 

 

 

 

 

 

Ankunft am Morgen – 25 Grad plus x

Transport vom Airport

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mit dem Flug und Gepäck ging (fast) alles gut – „Fritz“ ist scheinbar ohne Schäden an- und durch den Zoll gekommen. Lediglich die Lithium-Akkupacks für meine zweite Fahrradbeleuchtung wurde in Frankfurt aus dem Gepäck genommen (Gefahrgut) wie ich dann in Buenos Aires herausfand. Und Die Gepäckaufbewahrung am Flughafen verdiente sich nochmal 15 EUR, weil … ja … warum? Habe ich bis jetzt nicht verstanden. Angeblich hätte sich der Hermesbote nicht als solcher zu erkennen gegeben und das Gepäckstück sei nicht als von Hermes geliefert erkennbar gewesen, darum 15 EUR Aufbewahrungsgebühr. Sei´s drum.
Der Flug verlief unspektakulär, Film, essen, schlafen, essen – Ankunft. Mit dem Pick-Up wurden sowohl der Radkarton, als auch mein Reiserucksack und die beiden Packtaschen direkt zum Hostel gebracht. Über eine Stunde ging es über völlig verstopfte Straßen (auch die je Richtung(!) 10-spurige Avenida 9 de Julio) in die City. Nach über 1,5 h für die 30 km empfing mich das wohlklimatisierte Hostel. Sehr hübsch hier.

Centro Cultural Kirchner

Jazz im CCK

Foyer des CCK

Philharmoniesaal im CCK

 

1. Hostel DEL 900 Boutique

 

 

 

 

 

 

Auf zum Couchsurfen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Am Nachmittag bestellte ich mir noch ein Ticket für ein kostenfreies Jazzkonzert am Abend im Centro Cultural Kirchner – das ehemalige Telefonamt, welches zum Kulturzentrum mit 9 Etagen (davon 7 mit diversen Ausstellungen gefüllt), einem aufgehängten Saal für Philharmoniekomzerte und weiteren Konzerträumen umgebaut wurde. Der Eintritt zu allen Ausstellungen und Konzerten (mit vorheriger Onlinereservierung) ist frei. Tolles Gebäude. Schönes Konzert.
Gestern, Freitag, besorgte ich mir dann mit Hilfe Julietas eine Argentinische SIM-Karte, schaute mir mit ihr San Telmo an und fragte die nächsten Unterkünfte für die Zeit nach Iguazu an. Mit Glück, komme ich wieder via Couchsurfing/Warmshowers unter. „Fritz“ steht noch angeschlossen im Hostel-Foyer und wird gleich beladen, dann geht´s zu Julietas Wohnung.

Es ist vorbei – bye bye

Auch wenn ich schon wieder 10 Tage im (deutschen) Lande bin, fühle ich mich verpflichtet dieses Blog noch zu Ende zu führen. Schliesslich war in Auckland noch nicht Schluß, zwei weitere Wochen lagen vor mir.

Es folgten zwei sehr nasse aber auch epische Wochen. Hier geht´s zum letzten Abschnitt der NZ-Tour: http://www.bikemap.net/route/1360880

14.12. Die Vorortbahn brachte mich zunächst von Auckland nach Waitakere – somit konnte ich zumindest die wildesten Kilometer des SH1 umgehen bzw. sparte mir den Stress mit meinem voll beladenen „Fritz“ zwischen den Autos umher zu hopsen.  In einigen kurzen Etappen bahnte ich mir in den Folgetagen den Weg durch Regen, Gegenwind und den einen oder anderen Kuhstau auf den Nebenstrassen, SH 16 und 1. Sobald ich Manawhai Heads erreichte und das Ortsschild „Magic Mangawhai“ passierte änderten sich die Verhältnisse jedoch schlagartig – der Regen stoppte, die Sonne kam heraus und es boten sich traumhafte Aussichten auf das Küstenschutzgebiete, Strände und unglaublich teuer aussehende Villen in dieser überdimensionierten Feriensiedlung mit 1A-Surfstrand. Da ich für den nächsten Tag bereits meine Übernachtung mit Warmshowers-Gastgebern vereinbart hatte, nutzte ich die Gelegenheit am Morgen zunächst den örtlichen Küsten-/Cliffspaziergang zu unternehmen – ca. 60 m über der Brandung durch natives neuseeländisches Gehölz mit Blick auf Strände, Buchten und der Küste vorgelagerte Inseln – schön. Sobald ich wieder auf dem Rad saß und den Ort verließ setzte Nieseln ein – scheinbar ist Mangwhai tatsächlich magisch!

Der einzige ernsthaften Anstieg des Tages war trotz Baustelle und Split auf der Straße schnell geschafft und die Straße führte mich bis Waipu immer entlang der Küstenlinie – besonders schön, weil nun auch der neuseeländische Weihnachtsbaum, der Pohutukawa oder botanisch korrekt „Metrosideros excelsa“ blühte und der Regen der Vortage für weniger touristenverstopfte Straßen sorgte. In Waipu erwartete mich eine der bis dato interessantesten Warmshowers-Familie: Natürlich, was sonst, mit tollem Haus, direktem Zugang zum Fluß und mit den auf der Wiese liegenden Kajaks damit auch zum Meer, einer eigenen lokalen Radiostation, untergebracht im „Magic Caravan“ im Garten – Radio Waves, ungewöhnlich gefärbten Hühnern und einem neuseeländischen Wildschwein… Schließlich wurde ich kurzerhand zum Surfen eingeladen – oder in meinem Fall zum „vom Brett fallen bzw. erst gar nicht zum Stehen kommen“ – Spaß machte es trotzdem. Es folgte ein letzter kurzer Tag – gerade etwas mehr als 60 km inkl. Umweg zur Ölraffinerie und dem Tourist Drive, der leider doch nicht wie erhofft eine Alternative zum Highway sondern nur ein 18km langer Umweg war… bis Whangarei zum Vorräte aufstocken und abends schließlich ein nettes Konzert der Cover Band „Gravel Road“ im Irish Pub – Steffi, die ich bereits auf der Südinsel mehrmals zufällig traf lud mich dorthin ein. Unnötig zu erwähnen, dass ich am nächsten Morgen im strömenden Regen auf das Rad stieg. Einmal richtig nass ist einem das aber dann auch egal – gute Laune trieb mich die folgenden Tage auf relativ langen Etappen (je 105-120 km) via Kawakawa (mit Hundertwassertoiletten) nach Kerikeri. Hier treffe ich neben den unvermeidlichen deutschen Backpackern mal wieder jemanden, der Neuseeland durchläuft – ja, es geht noch bekloppter: Zu Fuß durch Neuseeland. Diesen Leuten gilt mein aufrichtiger Respekt – wie ich finde sind sie noch masochistischer als Radfahrer. Allein der langsame Fortschritt schreckt mich momentan von solchen Vorhaben ab. Von Kerikeri geht´s weiter nach Kaitaia wo mir im Hostel eine halbe Tafel Schokolade und die Hälfte meines restlichen Käses aus dem Kühlschrank entführt wurden und schließlich vorbei an Kauri-Lagerstätten (bereits vor Jahrzehnten geschlagenen oder auf natürliche Weise umgefallenen, jedoch im Schlamm konservierten bis zu 40.000 Jahre alte Stämme)  zum Cape Reinga. Mit Rückenwind vergingen diese Tage recht flott. Auf den letzen 20 km zum nördlichsten Punkt meiner Reise begleiteten mich noch zwei Anatomiestudenten aus Dunedin, die es in 24 Radtagen (insgesamt ein Monat mit Rasttagen) von Bluff auf der Südinsel bis hierhin geschafft haben – allerdings wesentlich leichter bepackt als ich. Cape Reinga – der Ort an dem die Ahnen der Maoris, respektive deren Seelen in den Ozean gleiten um von hier, wo Tasmanisches Meer und Pazifik zusammenfließen, nach Hawaiki – dem heiligen Ursprungsort der Urahnen zurückzuschwimmen. Gleichzeitig quasi-Endpunkt meines einjährigen Projektes – ein toller, magischer, spiritueller Ort. Vor allem, weil wir die Räder bis zum Leuchtturm rollen können. Einige Leute (faule Touristen mit stinkigen Campervans 😉 gratulieren uns gar, andere schütteln ungläubig den Kopf, noch bevor Sie den Gesamtkilometerstand der bisherigen Reise erfahren. Es ist abend, Zeit für uns, zum Camp zu fahren – nur 3 km aber 250 Höhenmeter entfernt liegt der DOC-Campingplatz in einer idyllischen Bucht. Fast luxuriös mit Freiluftdusche – nach dem obligatorischen Bad im Meer, lila Quallen liessen mich das Planschen jedoch vorsichtshalber kurz halten. Da stört es nicht, dass die Dusche nur „kaltes“ Wasser abgibt – und ich dachte Neuseeländer wären harte Burschen. Ich genieße jedenfalls in vollen Zügen das frische Wasser und schaue während dessen der fast schon untergehenden onne nach. Sandflies gibt es gratis dazu, zwei Schweizer spendieren mir noch zwei Würste zu meiner Pasta, was will man mehr. Am nächsten Morgen nehmen eben diese Schweizer noch meine Satteltaschen mit und stellen diese wie vereinbart am ersten Campingplatz ab. Angesichts des steilen Rückwegs auf Split hinauf zur Hauptstraße eine weise Entscheidung. Trieb mich der Südostwind in den letzten Tagen noch kräftig an, so habe ich diesen von nun an stets in meinem Gesicht und zwar nicht zu knapp. Selbst auf langen Abfahrten erreiche ich so nicht mehr als 35 km/h – wenn ich voll in die Pedale trete. Dabei wird der Wind ab Mittag erst richtig stark. Bevor ich mein Gepäck wieder auflade besuche ich noch die Riesendünen bei Te Paki – ca. 30-40 m hoch vermitteln diese einem das Gefühl mitten in der Wüste zu stehen, fehlen nur noch die Kamele. Leider bin ich zu zeitig dort – erst ab 10.30 Uhr kommt der findige Geschäftsmann dorthin, der Boogy-Boards verleiht, mit denen man die Sandhänge hinuntersurfen kann – auf der anderen Seite habe ich so Millionen Tonnen von Sand fast für mich allein. Zu dieser Zeit bin ich jedoch schon wieder an der nächsten Station, bestaune ein futuristisch aussehendes Solarrennfahrzeug – http://www.solarfern.com/ und mache mich schließlich auf den Weg gen Süden. Wer glaubt, hier dominiere flaches Land irrt sich gewaltig – gerade die letzten Kilometer vor bzw. nach Cape Reinga sind sehr wellig mit Anstiegen bis zu 150 Höhenmetern.

Wind, Sonne und die nun doch sehr abgefahrenen Zahnkränze des Rades fordern ihren Tribut – einige für dieses Terrain wichtige Gänge sind schon nicht mehr zu gebrauchen, die Spannung ist nach dem Erreichen Cape Reingas irgendwie raus. Auch ein Rieseneis zum Mittag motiviert mich nur bedingt zum Weiterfahren. In Pukenui habe ich schließlich die Schnauze voll – Abbruch des Tages, Wäsche waschen, ausruhen, reflektieren und dem stürmischen Wind lauschen sind angesagt. Um so besser wird der nächste Tag mein wirklich letzter Tourentag – nach Kaitaia sind es gerade noch 50 km, dennoch beginne ich relativ zeitig den Tag und finde den Abzweig vom Highway zum 90Miles Beach – wie in jedem Reiseführer nachzulesen, tatsächlich nur rund 90km lang.  Dennoch – selbst bei Flut 30 m breit ist dieser Strand einfach der Wahnsinn. Als ich dort ankam setzte die Ebbe gerade ein – mit der Zeit wurde der Strand also immer breiter, der Untergrund immer fester. Nur zu Beginn des 20km langen Abschnitts den ich zwischen zwei Zufahrten befuhr stieß ich ab und an auf weichere Stellen, die das Rad schlingern bzw. festfahren liessen. Abgesehen davon war der Sand jedoch so kompakt verdichtet, dass man wie auf einem unbefestigten Weg locker mit 20-25 km/h parallel zur Wasserlinie fahren konnte. Neben einigen Wanderern begegneten mir nur wenige PKW und Tourbusse, die ordnungsgemäß auf der richtigen Seite fuhren und sich offenbar auch an das Tempolimit (100 km/h! Strände gehören in NZ zum Highway-Netzwerk) hielten. Eitel Sonnenschein, die Weiten des Strandes und die Seeluft zauberten mir ein Dauergrinsen ins Gesicht. Fast übermütig entledigte ich mich meines Helmes und cruiste bestens gelaunt am Strand entlang – einen besseren Abschluß konnte diese Tour nicht finden. Hinzu kamen zig angespülte Muscheln und sogar überreste zweier (Katzen-?)Haie – Auge in Auge mit einem Hai 🙂

Von Kaitaia aus reiste ich schließlich am nächsten Tag mit dem Bus nach Mata zur Milchfarm, auf der Steffi beim Bassisten von Gravel Road für Unterkunft und Verpflegung arbeitete. Am Rande des Konzertes eine Woche zuvor wurde ich für die Weihnachtstage eingeladen – ansonsten wäre ich an den Weihnachtstagen wohl soweit gefahren, bis mich ein freundlicher Kiwi zu sich eingeladen hätte 🙂 So konnte ich jedoch mein Zelt im Garten aufschlagen, half ein wenig beim Melken, kochte einige Male, kümmerte mich um den Abwasch und kam so doch noch zu meinem Kiwi-Weihnachten – mit Brunch, gegrillten Bananen mit Speck und French Toast / Arme Ritter sowie  Bescherung am Morgen des 25.12. (am 24.12. wird in NZ nicht gefeiert) gefolgt von einer Grillparty mit Freunden, Gummistiefelzielwerfen und Lagerfeuer am Abend bei Gitarre und Gesang (der musikalischen Familie und Freunde) und angenehmen 20 Grad.

Boxing Day – am 26.12. verabschiedete ich mich schließlich um mit dem Bus nach Auckland zu fahren, dort die nachweihnachtlichen Rabatte auszunutzen, letzte Poste Restante abzuholen und meine Ausrüstung einzupacken. Während ich diese am 27. per Post auf den Heimweg schickte, sollte mein Rad erst am 28., Tag des Rückfluges für das Flugzeug verpackt werden. Am Ende wurde es doch nochmal spannend: Die Sattelstütze konnte erst nach Einspannung des Rades in eine Klemme der Fahrradwerkstatt und mit Kraft zweier Mechaniker gelöst werden – insgesamt dauerte das fachgerechte Verpacken somit drei statt wie erwartet eine Stunde. Somit musste ich das Flughafen-Shuttle direkt zum Radladen umbestellen, von dort ging´s zum Hostel um das restliche Gepäck einzusammeln und weiter zum Flughafen. Letztlich ging alles gut und die Rückreise konnte beginnen. Der kleine Stress lenkte mich auch vom Abschied ab – wehmütige Gedanken blieben mir also weitgehend erspart.

28.12. ca. 19.00 Der A 380 mit Fritz im Laderaum und mir in der hintersten Reihe hebt recht pünktlich ab. In Sydney halten wir zum Auftanken – ich muss das Flugzeug verlassen, werde nochmals durchleuchtet, büße mein (stumpfes) Kellnermesser und Zahnpasta ein, die am Flughafen Auckland nicht im Handgepäck beanstandet wurden und setze mich schließlich wieder auf den gleichen Platz um dort für die restlichen 20 Stunden Flug nach Dubai zu verweilen. Wir fliegen mit der Nacht – ein wenig Schlaf, das Essen schmeckt, das Entertainment-Programm, hauptsächlich aus Filmen und Musik bestehend unterhält mich.  In Dubai holt mich die bundesdeutsche Realität ein – im Terminal werde ich mit Sonnen-/All-Inclusive-/Partyurlaubern konfrontiert, Menschen sind weniger geduldig und entspannt, Worte wie „unerhört“ und „nach Bürgerlichem Gesetzbuch“ fliegen durch die Luft – Deutschland muss nah sein und wirft schreckliche Schatten voraus – zum Glück weiß niemand, dass ich dazu gehöre, im Zweifelsfall gebe ich einfach wieder vor Pole zu sein – klappte in so manchem Hostel schließlich auch, wenn ich versuchte Deutschen aus dem Weg zu gehen.

Schließlich lande ich in Hamburg nehme mein Gepäck in Empfang und trete hinaus: 5 Grad, 20 Grad Temperaturunterschied, dennoch ist meine hochgekrempelte Sommerhose warm genug, ein Obdachloser am Bahnhof versichert mir kopfschüttelnd „Der nächste Frühling kommt bestimmt, wa?!“ – Spießer! Letzter Akt der Reise: Ich schummle den Radkarton in einen ICE – ziviler Ungehorsam, sind dort doch keine Fahrräder erlaubt. In der Gewissheit, dass der nächste Halt erst Berlin Hbf ist gehe ich das Risiko jedoch ein – die Wahrscheinlichkeit, dass der Zug angehalten und ich auf freier Strecke herausgeschmissen werde ich dann doch zu gering…

29.12. 17:30 Uhr Ortszeit – Berlin Hauptbahnhof – Jan, Niklas und Anne nehmen mich in Empfang – ick bin wieder daheim