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8.12. – 12.12. Wind, Wellen, Weideland

8.12. – 12.12. Rio Gallegos – Cerro Sombrero – Rio Grande (Bilder folgen bei Gelegenheit)

Aus der Abfahrt am 7. Dezember wurde nichts – nach Frühstück und Tee kam ich mit Tempo 8 – 10 km/h genau 5 km weit – bis an die Grenze des Industriegebiets am Ende der Stadt, bevor es mich förmlich vom Rad blies. Starker Seitenwind machte ein (sicheres) Fahren unmöglich, noch dazu sollte sich die Route später genau in den Wind (weiter nach Westen) drehen, dazu Schauer – keine Chance 120 KM bis zur Fähre zu gelangen. Trampen funktioniert heute auch nicht, ohne Windschutz zu warten ist zudem extrem unangenehm – im Wind reißt bzw. bricht der Ständer von Fritz – Gewicht, Wind und Alter (seit Neuseeland im Einsatz) machen auch dem stärksten Ständer den Gar aus. Wenn´s so bleibt, muss Ushuaia von der Zielliste genommen werden. Gegen Mittag bin ich zurück in der Innenstadt, wärme mich in einer Tankstelle auf und suche ein Hotel, um am nächsten Morgen wirklich um 8 Uhr auf´s Rad steigen zu können. Die freundliche Einladung eines jungen Motorradfahrers bei ihm unterzukommen schlage ich dankend aus, brauche heute mal Ruhe. Fritz übernachtet sicher in der Waschküche des Hotels. Schade: Die Dusche gibt nur kaltes Wasser ab.

Am nächsten Tag geht’s nach kleinem Frühstück im Hotel wieder auf´s Rad. Punkt 8 geht’s los mit Umweg über einen Bäcker – Sandwiches, Pan Dulce als kleines Mitbringsel für die nächsten Gastgeber (leider schon recht trocken, wie sich später herausstellt, aber schön anzusehen). Ein alter Hippie freut sich über mein Rad und macht gleich Fotos vom voll beladenen Fritz – vier Radtaschen, der Rucksack mit Zelt, Schlafsack, Isomatte und obendrauf neun Liter Wasser und Limo – sieht man hier vielleicht nicht so oft. Wer sich fragt, wie viel Masse das sein mag: die vier Taschen (Küche & Bad, Werkstatt/Ersatzteile & sonstige Ausrüstung, Klamotten (von kurzer Hose bis zum warmen Handschuh), Büro & Technik sowie Zelt, Wanderschuhe etc) wiegen ungefähr 35-40 Kilogramm, hinzu kommen Wasser (9 Liter) und Verpflegung – circa 3 Kilo, Fritz wiegt um die 18 Kilo. Zusammen mit mir rollen also um die 140 Kilo Systemgewicht über die Pisten. Weniger wäre schön, ist momentan aber kaum umzusetzen.

Die verschobene Abfahrt hat sich gelohnt – mit Wind aus Nordwest geht es gut voran, unterbrochen nur von einer Polizeikontrolle und den notwendigen stündlichen Pausen. Nach 65 Kilometern ist die Grenze nach Chile erreicht – Einwanderungsbehörde, Zoll und Landwirtschaftsbehörde checken die Papiere und auch (recht oberflächlich) das Gepäck. Frischobst, Wurst etc. hatte ich vorher vertilgt, meine Nüsse kann ich zum Glück behalten, die Chiasamen werden auch nicht beanstandet bzw. übersehen. An der Grenze gibt es noch ein schönes Mittag und kurzen Schnack mit chinesischen Motorradfahrern, die gerade ihre Panamericana-Tour beenden. Nach einer Stunde geht’s weiter. Hinter der Grenze Rückenwind, Abfahrten – so kann´s gern weitergehen!

Später ziehen jedoch Wolken auf, der Wind kommt stärker von der Seite und es schauert – die Regengarnitur kommt erstmals zum Einsatz. Über sanfte Hügel und die üblich karge Landschaft geht es bis zum Abzweig des Fähranlegers – wider Erwarten gibt es hier 20 km vor der Fähre doch noch eine kleine Siedlung mit ausgeschriebenem Hotel, welches ich heute aber nicht in Anspruch nehmen muss. Von da an ist es ein Genuss: Reiner Rückenwind, 16 km mit 30 km/h und einigen schönen Abfahrten. Ein VW-Bulli aus Pirna überholt mich – es ist immer wieder witzig, am anderen Ende der Welt europäische Kennzeichen zu sehen.

15.45 Uhr erreiche ich den Fähranleger von Punta Delgada – mit Bistro/Restaurant, Hosteria, kleinem Supermarkt und Klos mit Duschen wunderbar ausgebaut. Nach einem Kaffee mit deutschen Motorradfahrern setze ich über – 20 Minuten über die Magelanstraße, für Fußgänger und Radfahrer kostenfrei.

Die gegenüberliegende Seite(Bahia Azul) ist nicht ganz so gut ausgebaut, aber ich darf vor der Info und der kleinen Polizeistation zelten und den warmen Warteraum mit TV und altem PC bis 21 Uhr nutzen, mich sogar in der Damendusche waschen – die andere ist geschlossen. Auch hier gibt es wieder nur kaltes Wasser, das nach 5 Minuten ganz ausbleibt, aber besser als nichts. Die nette Kollegin der Info gibt mir für den Abend sogar noch den WIFI-Code des Verwaltungsnetzwerks, ein wunderbarer und sicherer Platz zum Campen, vor allem windgeschützt – der Wind frischt auf – 40 km/h laut App, für morgen ist Gleiches vorausgesagt mit Sturmböen bis 85 km/h, kann ja heiter werden!

Am nächsten Morgen (9. Dezember) packe ich früh das Zelt zusammen, frühstücke im Warteraum und starte gegen 9 Uhr – noch vor der ersten Fähre in Richtung Cerro Sombrero – bei KM 53 der Ruta 257 soll die Estancia von Valentina, meiner nächsten Couchsurferin sein – ein vermeintlich kurzer Tag mit 43 km, jedoch auch zunehmendem Seitenwind und Schauern. An den Zäunen entlang der Straße ist fast jeder Kilometer angezeichnet, teils sogar alle hundert Meter. Die verbleibene Distanz hat man also ständig vor Augen. Mittags erreiche ich Kilometer 52, trinke Kaffee im einzigen Restaurant – 5 Kilometer vor dem durch die Gasförderung geprägtem Dorf Cerro Sombrero. Valentina kehrt erst nachmittags zurück, also fahre ich erst mal in den Ort – eine Siedlung aus scheinbar sozialistischer Prägung: Ein Kino (bei nichtmal 5.000 Einwohnern, eine Begegnungsstätte/Club Social, kleiner Markt, ein Flugplatz, Werkstätten, Arbeitersiedlungen, Sportplatz und Gemeinschaftsgarten, Tankstelle, zwei Hosterias, Verwaltung, ein Krankenhaus und die neu erbaute Regionalschule mit Internat – alles im Betonbaustil der siebziger Jahre – am heutigen Samstag sehe ich genau sieben Menschen auf den Straßen. Auch die (heute jedoch geschlossene) Touristinfo mit luxuriösem öffentlichen WC ist brandneu. Im Vorraum dessen kann ich mich aufwärmen und habe sogar WIFI zum Zeitvertreib. Auch heute habe ich Glück: Valentina schreibt mir, sie wäre ohnehin gerade an der Klinik und könnte mich mitnehmen – Fritz kommt also mal wieder auf die Ladefläche eines Pickups und ein Missverständnis klärt sich auf: Die Estancia ist zwar am Kilometer 53, allerdings der geschotterten Ruta 259 (nicht 257) – und damit 60 Kilometer weiter in der Prärie, pardon, Pampa. Welch glückliche Fügung für mich! Die eigentliche Schaffarm ist in der Nähe des Punta Cataluna mit 6000 Schafen. Dort holen wir Umberto, Valentinas Sohn und die Hütehunde ab. Nach einem Braten zum frühen Abend geht’s dann eine weitere Stunde über Schotterstraßen nach Hause – die Distanzen sind hier einfach andere. Am Abend gibt’s dann „richtig“ Essen – Lammbraten ab 23:30 Uhr. Bis 2 Uhr halte ich durch, bevor ich mich auf meine gemütliche Couch am Gaskamin zurückziehe. Der Rest der (erwachsenen) Familie sitzt noch bis 5 bei Mate und „Germania“-Import-Bier aus Österreich in der Küche zusammen. Sonntag ist Ruhetag, Zeit, die Taschen zu sortieren, am Nachmittag geht’s dann nochmal nach Cerro Sombrero: Der Sohn hat heute Geburtstag und im Gemeindezentrum gibt’s einen schönen Kindergeburtstag mit Pinata und jeder Menge Essen. Valentina kocht und bäckt fabelhaft und ich kann jede Menge Energie tanken – nachdem ich die ungefähr 4.000 Kalorien pro (langem) Radtag erwähnte, bekomme ich ständig Essen gereicht. Gefällt mir! Im Tausch gebe ich Lungenkraft für die Geburtstagsluftballons und wir tauschen ein bisschen Musik aus.

Am nächsten Morgen herzlicher Abschied von der Estancia, natürlich nicht ohne selbstgebackene Brötchen von Valentina als Proviant. 60 km Schotter bis zur Grenze. Allerdings ist dieser lockerer als gedacht, der Weg kurviger und welliger als vermutet – höchste Konzentration beim Fahren ist notwendig. Wahrscheinlich hätte ich den Tag so an der Grenze beendet, wenn nicht der zwei Mal pro Woche verkehrende Minibus vorbeigekommen wäre und anbot, mich mitzunehmen. Mit mir als einzigem Fahrgast geht es nun für drei Euro binnen einer Stunde (statt 5-6) zur chilenischen Grenze. Wunderbar. Von hier aus sind es noch 11 km bis zum argentinischen Grenzposten San Sebastian und ab dort nochmal gut 80 asphaltierte Kilometer bis Rio Grande. Mittag an der Grenze und los geht’s – heute wieder mit astreinem Rückenwind (zumindest meistens) auf der frisch asphaltierten Ruta 3. Gegen 15.30 Uhr erreiche ich die Industriestadt Rio Grande – mit zunehmendem Feierabendverkehr , Knast und jeder Menge militärischer Devotionalien inkl. Pappkameraden und Wandmalereien am Straßenrand, die an den Falklandkrieg erinnern. Am Abend beziehe ich die gemütliche Couch in Giselas zweiter Wohnung, stocke Vorräte auf, koche, schlafe. Morgen wird Wäsche gewaschen, das viel gerühmte patagonische Eis gegessen und weitere Gastgeber entlang der Route angeschrieben. Rund 250 km bis Feuerland, 110 km bis zur tollen Bäckerei mit Casa Ciclista in Tolhuin – das Ende der Welt rückt in greifbare Nähe. Weiter soll´s am 13. Dezember gehen. Ushuaia wird also noch vor Weihnachten erreicht (und wahrscheinlich auch schon wieder verlassen).

3.12. – 6.12. Fluch und Segen

Sonntagmorgen ging es mit starkem Wind aus der Stadt – Helmkappe für die Ohren, Jacke, Bein- und Armlinge sowie das zweite Tuch wurden dringend gebraucht, Handschuhe sowieso.

125 km bis Comandante Luis Piedra Buena – der letzten Stadt für eine ganze Weile.

8:30 Uhr geht’s los. Der Rückenwind hilft – 20 km/h sind kein Problem, auf langen Geraden in Windrichtung gern auch 30 km/h, Abfahrten bieten dann immerhin 50 – 60 km/h – schneller muss es auch nicht sein. Sobald die Straße jedoch leicht abbiegt, hat man den vollen Wind von der Seite. 15 – 20 km/h sind dann zwar noch möglich, aber angenehm ist es nicht. 56 km vor dem Ziel dreht der Wind dann vollends auf Seitwind. Hier holt mich während einer Pause aus dem Nichts ein Rennradfahrer ein, mit nur einer Trinkflasche ausgestattet. Wo kommt der auf einmal her? Wo will der hin? Scheinbar auch nach Puedrobuena und zurück – voll gegen den Wind! 25 km vor dem Ziel kommt er mir am Berg entgegen und bittet um Wasser. Ich habe genug und gebe gern ab, aber der arme Kerl hat noch einen heftigen Ritt vor sich!

Unterwegs werde ich viel angehupt und freundlich gegrüßt – nur wenige Idioten hupen mich tatsächlich von der Straße, weichen nicht aus, bremsen kaum oder gar nicht ab, obwohl Platz und freie Sicht ist. Den Vogel schießen aber zwei Mädels ab: Fahren langsam mit Warnblink hinter mir her – überholen nicht, trotz Gewinke und Platz. Also, anhalten – vielleicht wollen sie mir ja Wasser geben? Aber nein, sie gucken und tuckern weiter, beschleunigen dann wieder, während ich erstmal wieder Tempo aufnehmen muss.

In Piedrabuena dient die Tankstelle wieder als Infopunkt mit WIFI und Tee. Ein paar kleine Jungs beäugen neugierig den voll beladenen Fritz, ein älterer Herr gratuliert mir zur Etappe… Unterkünfte scheinen jedoch rar gesät. Immerhin soll es günstiges Camping, Cabanas (Hütten) und eine Hosteria auf der Insula Pavon inmitten des Flußes geben. Klingt nett, sieht auch schön aus, aber dieses Wochenende ist hier jedes Bett belegt. Ich wähle das Zelt, 200$ für eine Nacht (mit Tisch und Grill sonst 400) und Warmwasser nur bis 18 Uhr – also noch eine Stunde. Nach dem Zeltaufbau sollte es immernoch 30 min lang Warmwasser geben, aber denkste: Aqua fria ist das einzige, dass aus der Dusche kommt. Egal, Hauptsache duschen. Die Anlage ist schön gepflegt, Heißwasser für Thermoskannen und den obligatorischen Maté kann man direkt am Trinkwasserbrunnen zapfen. Am Ufer werden von einer Familie zwei Schafshälften über offenem Feuer gegrillt – DAS ist also echtes Asado. Irgendwoher kommt laute Musik, aber der Tag war lang genug, ich schlafe schnell und tief.

  1. Dezember – 100 km nach Lemarchand – Gegenwind

Am Morgen geht’s los – Gegenwind aus Süd/Südost ist angesagt. 100 km bis Lemarchand – das ist genau genommen eine Hosteria mit Benzin, mehr nicht. Die wohl einzige Unterkunft vor Rio Gallegos und Guer Aike (abgesehen von weiter entfernten Estancias und einer an der Ruta 3, 60 km hinter Lemarchand.

Am Abzweig nach Puerto Santa Cruz kann ich nochmal die Vorräte mit Pastetchen und Kuchen auffüllen – Gold wert, wie sich später rausstellt. 5,5 Liter Wasser und Limo sind am Rad, das sollte reichen. In Lemarchand kann ich dann auffüllen und vielleicht einen Ruhetag einlegen – soweit der Plan. Die ersten 15 km habe ich wider Erwarten seitlichen Rückenwind und reise mit angenehmen 20 km/h, dann dreht jedoch die Straße – von hier an gibt es nur noch Gegenwind – frontal oder schräg von rechts mit durchschnittlich 8-16 m/ Sekunde, am Berg genauso wie in der Ebene.

So geht es mit 6-8 km/h bergauf in den Nationalpark Monte Leon, und mit 10-12 km/h durch unendliche Ebenen. Auf Abfahrten mit 3 % Gefälle erreiche ich mit Treten 18 km/h. Nach dem Mittag wird der Wind noch stärker – Spaß macht das nicht. Statt stündlich muss ich halbstündlich halten um Energie zu mir zu nehmen. 16 Uhr – noch 30 km. Zum Glück entscheide ich mich dagegen, diese Etappe zu teilen und fahre weiter. Sonnenuntergang ist circa 21.30 Uhr, also genug Zeit. Wenn die Kräfte reichen.

19 Uhr – die letzten Kilometer waren besonders hart, aber endlich bin ich auf dem letzten Kilometer. Die Oberschenkel sind fest und schmerzen. Ein rotes Haus kommt in Sicht – aber merkwürdigerweise nur ein Autotransporter davor, der schon bald weiterfährt. Als ich näher komme sehe ich: Das Ding ist zu, geschlossen, verrammelt, gar eingezäunt! Sch… In den Flaschen habe ich noch einen dreiviertel Liter Wasser. Essen reichlich. Was nun? Hier gibt es keine windgeschützte Campingmöglichkeit. Weiterfahren und Suchen? Oder hier bleiben, wo ab und an Trucker Pause machen? Der Versuch zu Trampen scheitert – um die Zeit ist kaum jemand in meine Richtung unterwegs, nur zwei Pick-Ups fahren an mir vorbei, dazu Trucks ohne Ladefläche (die offiziell ohnehin niemanden mitnehmen dürfen) und PKW. Die ausgewiesenen Farms liegen mindestens 30 km abseits der Straße, über Schotterwege unerreichbar. Auf dem Parkplatz habe ich dann Glück: Ich frage nach Wasser und bekomme: 1 Liter Wasser, 1 Liter O-Saft, Oreo-Kekse und von einem anderen Fahrer nochmal 1,5 Liter Wasser – das würde für die Nacht reichen, um ggfs. morgen zu trampen oder die 60 km zur nächsten bekannten Estancia zu kommen. Noch wertvoller aber der Hinweis auf Ototelo Aike – 10 km weiter südlich.

Dort gäbe es große Gebäude. Auf dem Navi sind dort zumindest Wendekreise eingezeichnet. Es ist 20 Uhr – ich entscheide mich nach Ototelo zu fahren um dort nach Campingmöglichkeiten Ausschau zu halten. 20.45 Uhr kommen Häuser in Sicht: Wirtschaftsgebäude, ein Wohnhaus und sogar eine Abfahrt dorthin. Das erste gepflegte Wohnhaus mit Garten ist leer – aber Fahrzeuge stehen rum, der Generator läuft, ein Hund ist vor Ort. Ein Stück bergauf stehen weitere Wirtschaftsgebäude – auch hier ein Pickup, aber niemand zu sehen. Ich klopfe an verschlossene Türen, eine jedoch ist offen: Dort steht Brot und Aufstrich (der wie Götterspeise aussieht) auf dem Tisch – hier muss also jemand sein. Ich suche weiter und finde endlich den Farmarbeiter Eduardo: Ich erkläre meine Not und frage, ob ich campen dürfte. Stattdessen zeigt er mir eine Gemeinschaftsunterkunft (scheinbar für die Helfer zur Schafschur) mit Holzpritschen, warmer Dusche, großer Küche… er heizt den Gasofen an und verschwindet um kurz darauf mit einer Matratze zurückzukommen. Ein Engel. Ich darf bleiben. Es gibt nach wie vor keinen Mobilfunk, aber Strom. Und von nebenan holt Eduardo auch noch hausgebackenes Brot. Ich kann mein Glück kaum fassen.

Total fertig aber glücklich und wahnsinnig dankbar nehme ich die Dusche und Koche Unmengen Reis mit Erbsensuppe. Dazu gibt es Brot, Salami, Leberwurst und einen schönen Sonnenuntergang über dem Tal. Für die Beine gibt es Voltaren und eine kleine Massage. Morgen früh entscheide ich, ob bzw. wie weit ich weiter fahre.

Dienstag, 5. Dezember

Um 6.30 Uhr weckt mich die Sonne. Option 1: 60 km bis zur nächsten Estancia fahren. Option 2: 100 km bis Guer Aike. Option 3: 130 km bis Rio Gallegos – Optionen 2 und 3 sind aber nur mit starkem Rückenwind möglich und nach der gestrigen Etappe eigentlich nicht machbar.

Im Tal scheint kaum Wind zu sein – Bäume zum Prüfen gibt es nicht, aber es rüttelt auch nicht am Haus. 8.30 Uhr fahre ich vom Hof und komme erst auf eine wunderbare Abfahrt und dann in den Genuss von Rückenwind. Geradem, starkem Rückenwind. Es geht gut voran und Guer Aike ist gegen 15 Uhr erreicht. Hier könnte ich campen, am Campingplatz soll es auch einen Kiosk geben. Allerdings fühle ich mich trotz schrägem Gegenwind und steilen Anstiegen auf den letzten 10 km überraschend fit UND nach Rio Gallegos geht es laut Karte gerade aus nach Osten – 30 km in Windrichtung. Nach Abstecher auf den Aussichtspunkt fällt die Entscheidung: Es geht weiter, ich nutze den Wind: Auf der je Richtung zweispurig ausgebauten Autobahn mit Seitenstreifen geht es mit über 30 km/h, teils 40 km/h wunderbar voran – nach 50 Minuten bin ich in der Hafenstadt und erreichen Cecilias Haus. Den Kontakt hatte mir Francesco aus Comodoro vermittelt. 100 Meter vom Wasser entfernt darf ich hier meinen Ruhetag verbringen und werde gut gefüttert. Noch knapp 600 km bis zum „Fin del Mundo“

 

 

Morgen, am 7. Dezember, geht’s weiter. Erst zum Lago Azul – einen wassergefüllten Krater, 60 km südlich von Rio Gallegos, dann zur Chilenischen Grenze und Fähre nach Feuerland. Zuvor müssen noch alle Früchte und Milchprodukte aufgebraucht werden, an der Grenze werden diese sonst konfisziert. Bis San Sebastian sind es 280 km – allerdings teilweise auf Schotter, gut möglich, dass ich 3-4 Tage bis dorthin benötige. Nächste Städte in mehreren Etappen sind dann Rio Grande (100 km weiter), Tolhuin (weitere 130 km) und Ushuaia (letzte 110 km).

 

27.11. – 1.12. Retiro zum Abgewöhnen – erste Radtage zum Eingewöhnen

Montag, 27. November

Heute sollte mich der Bus mitsamt Fritz nach Comodoro Rivadavia bringen – das Fahrrad voraus zu senden kommt nach Erfahrungsberichten anderer Radfahrer nicht in Frage. Ich will Fritz unbedingt im gleichen Bus haben. Nach Aussage der Mitarbeiter am Infoschalter von Condor Estrella am Busbahnhof Retiro auch kein Problem, solange das Rad in einem Karton ist. Die 15 kg Freigepäck, die auf dem Ticket genannt werden, sehe ich beim Anblick anderer Busreisender als symbolisch an. Mit Hilfe July finde ich einen Radladen, der einen entsprechenden Karton hat – Vorderrad, Hinterrad und Lowrider müssen ausgebaut werden, Pedale ab, Lenker quer, Sattel runter – soweit kein Problem. Mit „Fragil“-Aufklebern und meinen Daten versehen scheint der Transport sicher. Zum Bahnhof „Retiro“ geht’s per Radiotaxi – natürlich mit Aufschlag für das Mehrgepäck, aber dafür kommen wir gut an. July hilft mir noch tragen, bevor sie zu Terminen muss. Darum sind wir auch schon 4 h vor Abfahrt am Bahnhof. Der Bus kommt 12.40 Uhr, in zwei Gängen bringe ich Radkarton, Radtaschen und Rucksack zum Bus – neben mir ein Asiate mit drei großen Taschen… beide werden wir jedoch angewiesen, dass unser Gepäck zuletzt eingepackt werden würde. Die 50 Pesos für den Packer habe ich schon bereit, nur leider wird der Bus voll – immer weniger Raum bleibt im schlecht gepackten Gepäckabteil – Riesenrucksäcke und Rollkoffer oder auch zwei pro Person landen dort… Und dann: „NO“ – mein Gepäck wird nicht mitgenommen, das des Asiaten auch nicht. Schöner Sch… es folgen Diskussionen mit dem Busfahrer, aber es ist definitiv kein Platz. Während die Begleitung des Chinesen auf die Taschen schaut, lasse ich mein Ticket (kostenfrei) umschreiben – von Condor Estrella auf Andesmar – deren Bus fährt um 19 Uhr. Am Schalter wird mir versichert, dass auch der Karton mitkäme, ich solle diesen im Untergeschoss anmelden… Zur Sicherheit bitte ich July nochmal zu kommen. Denn im Erdgeschoss nimmt man mir den Radkarton nicht ab. 16 Uhr kommt July – und kann klären: Es kommt alles mit, wenn ich extra 700$ an den Packer zahle (ein Vielfaches des Üblichen – die meisten Fahrgäste reichen 10-20 $ je Tasche) – offiziell dürfe das Rad so nicht mitgenommen werden, aber wo 700$ sind, ist auch ein Weg. Gesagt getan, die Wartezeit wird mit Pizza verkürzt. Angeblich sei die Polizei mit manchem Gauner am Bahnhof verbunden, die Taschen werden also nicht aus dem Blick gelassen.

18:45 Uhr der Bus kommt. Und es geht gut. Alles wird verstaut, der Radkarton liegt gut mit nur wenigen Taschen darauf, die Schaltung etc. habe ich ohnehin extra gepolstert. Auch das chinesische Pärchen ist an Bord – ihre Taschen checkten sie vorher ein, mit je 32 kg und zusätzlichem Gepäck – da sind meine 40 kg Gepäck und Fritz mit ~ 18 kg doch ein Klacks!

Einziger Wermutstropfen: Kein Essen & Trinken im Bus – am ersten Stop decke ich mich daher nochmal mit Sandwiches ein und auf geht’s zur 25 h Fahrt. Beim Blick aus dem Fenster bin ich froh, diese Strecke nicht mit Rad gefahren zu sein – so bleiben mir 2-3 Wochen öde Pampa erspart, in Patagonien habe ich noch genug davon. Sträucher, einzelne Grasbüchel und Steinwüsten ziehen am Fenster vorbei. Jeder Stop wird genutzt um die Beine zu vertreten, im Fernsehen laufen Romantic-Comedys und Actionfilme mit spanischem Untertitel, die Klimaanlage ist wie immer gnadenlos kalt eingestellt.

Am nächsten Tag kommen wir um 20 Uhr in Comodoro Rivadavia an – eine Industriegroßstadt geprägt durch Öl, Gas und ein wenig Windenergie, im März noch von Sturm, Flut und Schlammlawinen heimgesucht – hier und da sieht man dies auch noch. Während der Wartezeit im Busbahnhof konnte ich meinen Couchsurfing-Host wechseln – statt das Rad zu montieren und noch 16 km nach Rada Tilly zu fahren, bleibe ich in der Stadt. Francesco holt mich mit seinem Jeep ab, das Rad kommt auf´s Dach, die Taschen in den Kofferraum – nicht der erste (und nicht der letzte) erstaunte Blick bzgl. des Umfangs meiner Ausrüstung. Doof nur: Im Kofferraum ist irgendwas über eine meiner Radtaschen gelaufen – leider kein Kaffee, wie erst vermutet, sondern irgendetwas ätzendes, dass die Isolierschicht beschädigt und sich nicht abwaschen lässt. In den Folgetagen wird die Stärke des Schadens deutlich. Werde die Tasche wohl spätestens nach Feuerland ersetzen – bevor es in die nassen Gegenden geht.

Francescos Familie empfängt mich, ihren ersten Couchsurfer, sehr herzlich – ich bekomme das Zimmer des „kleinen“, Classic-Rock-liebenden Bruders – Sebastian, der in der Zeit zu seiner Freundin zieht. Noch während ich das Rad montiere, werde ich eingeladen, eine Nacht länger zu bleiben, so könnte man noch die Stadt und Rada Tilly am nächsten Tag erkunden. Ich nehme dankend an. Vom Schrauben geht’s direkt an den Esstisch: Empanadas und sauerbratenähnliches Fleisch in Fischsauce – sehr lecker, sehr viel, sehr gut! Francesco, Max (der ältere Bruder, der auch Deutsch spricht), Sebastian, die jeweiligen Freundinnen, der Vati und Mutti Cecilia versorgen mich mit Energie, so gut es geht unterhalten wir uns über die geplante Tour und Musik – die Jungs schwärmen von „Accept“ einer deutschen Rockband, kennt die jemand? Ich bislang nicht. Am Wochenende kommt dann auch noch Apocalyptica nach Comodoro – das werde ich leider verpassen, schade.

Francesco hat gerade zwei Wochen frei, da er im Schichtbetrieb bei der staatlichen Ölfirma an einer Fracking-Station arbeitet – zwei Wochen Arbeit, zwei Wochen frei. Wunderbar. Wir laden die Räder auf den Jeep und fahren nach Rada Tilly – das Miami Beach Argentiniens. Strandvillen, breiter Strand mit Promenade, eine schöne Bucht und der kalte Atlantik, schön hier. Mit den Rädern geht’s den Strand entlang und letztlich den Berg hinauf zum Punto Marquez – eine Naturschutzstation im Reservat mit Ausblick auf die Seelöwenkolonie am Fuße der Klippen und die weiten des Atlantik. Irgendwo da draußen ziehen auch zwei Wale Richtung Peninsula Valdez, sind jedoch kaum auszumachen. Ein toller Ausflug!

Zurück in der Stadt werden Vorräte gebunkert. „Benzina“ für meinen Kocher gibt es leider auch hier nicht – es wird also erstmal mit Gas und NAFTA (bleifreies Benzin von der Tankstelle) gekocht. Am Nachmittag besichtige ich das Petrol-Museum von YPF, der staatlichen Ölfirma – gut gemacht und natürlich wird die Firmengeschichte ausführlich dargestellt. Im Ort scheint YPF zudem viel zu sponsern, unter anderem den Sportclub.

In der gut sortierten Hobbywerkstatt des Vaters finden wir eine passende Schraube für meine Clickpedalschuhe und nicht nur das: Ich werde noch dazu mit einer zweiten Sonnenbrille und Warnweste, am nächsten Tag zusätzlich mit Proviant, Klopapier und mehr ausgestattet.

22 Uhr – Zeit für das Abendbrot – Pizza, ein Familienburger und ebenso wunderbarer Nachtisch erwarten uns.

Am nächsten Tag soll es nach dem Frühstück losgehen – der Fürsorge noch nicht genug lassen Francesco und seine Mutter es sich nicht nehmen, mich bis Rada Tilly „über den ersten Berg“ zu bringen. Das klappt auch fast, bis der Verkehr kurz vor dem Ziel stoppt: Schwarzer Rauch, Polizei, ein Unfall? Nein: „Un March“ – Arbeiter protestieren mit Straßensperre und brennendem Reifen. Autos kommen nicht durch. Francesco hält jedoch Rücksprache mit dem Streikposten und Typen mit Fahrrad dürfen natürlich passieren. Nach herzlicher Verabschiedung geht’s nun also los, die ersten wackligen Meter unter Anfeuerung der streikenden Arbeiter und den ersten Berg hinauf – die ersten hundert Meter solle ich zur Sicherheit nicht anhalten. Aber mir will keiner was, alles gut. Dank Straßensperre hält sich der Verkehr anfangs in Grenzen. Auf der Abfahrt schwankt das Rad – die Gewichtsverteilung ist noch nicht optimal. Nach Rejustierung von Rucksack und Wasserflaschen liegt das Rad jedoch wesentlich stabiler auf der Straße. Tagesziel: Caleta Olivia – knapp 75 km weiter südlich. Dort erwartet mich Mauro von Warmshowers.

Der Weg dorthin ist trotz einiger Anstiege auf 200 m traumhaft: Immer wieder nah am Meer entlang, mit Panoramaausblick von kleinen Bergen aus. Und: Die Ruta Nacional 3 wird wohl auf 41 km erneuert – parallel zur aktuellen Straße gibt es somit bis zu vier für den Verkehr noch gesperrte Spuren, ab und an durch Kieshaufen oder einige hundert Meter Schotter unterbrochen. Eröffnet werden soll diese neue Piste 2017 – ich glaube aber nicht, dass dies bis Jahresende erfolgt. Markierungen fehlen, gegen Ende auch noch einige Kilometer Asphalt und an mancher Stelle bröckelt ebendieser schon wieder. An vielen Stellen sieht man kleine Gedenkstätten. Häufig insbesondere für die auf einer Reise verdurstete Frau, deren Baby lebend gefunden wurde, an der Brust der Muter saugend. An diesen Gedenkstellen ist es Brauch, Flaschen mit Wasser abzulegen (siehe Galerie).

Für mich ist es jedenfalls der größte Radweg der Welt – rechts Pampa, links, teils weniger als 100 Meter entfernt, das Meer, nirgends Schatten. Die „große“ Mittagspause wird daher in einem Wasserrohr unter der Straße abgehalten – da gibt es Schatten. Außer zwei verlassenen Gebäuden am Straßenrand gab es zuvor nichts. Kurz vor Caleta gibt es dann nochmal Seerobben, die scheinbar die Angler am Ufer ärgern und dabei ihren Spaß haben. Auf den Abschnitten abseits meines privaten Highways merkt man die Wucht der LKW: Unabhängig davon, dass einige kaum Platz lassen, geschweige denn abbremsen (der Großteil verhält sich aber rücksichtsvoll und bei Verkehr von hinten und Gegenverkehr weicht man eh in den Schotter aus), ist deren Sogkraft beim Überholen sehr stark. Entgegenkommende LKW schieben dafür solche Luftmassen vor sich hin, dass man abrupt abgebremst wird. Zur Sicherheit clicke ich dann lieber die Pedale aus und schalte runter, um besser ausbalancieren zu können. Die auf Luftdruck basierende Höhenmessung des Radcomputers wird dabei so stark irritiert, dass auf gerader Strecke bei Begegnung mit Trucks kurzzeitig bis zu 4% Steigung angezeigt werden (dabei zieht der Tacho den Durchschnitt der letzten 50 – 100 Meter).

Am Nachmittag komme ich in Caleta Olivia an – kleiner als Comodoro, aber mit Promenade und etlichen Kötern, die mich auf den letzten Metern ankläffen und verfolgen – kein Spaß und gerade in den hügeligen Straßen gäbe es auch keine Chance, den Viechern zu entkommen. Kaum ist einer abgeschüttelt, wartet schon der nächste. Aber Hunde die bellen … so auch heute.

Mauro empfängt mich mit Tee, wir Teilen unser Obst, später noch Gebäck. Sein Kumpel, der auf seine erste Radtour spart kommt vorbei. Mauro arbeitet nur halbtags, um sich die restliche Zeit im freien Kulturzentrum zu engagieren, sich um seinen kleinen improvisierten Garten zu kümmern und vermutlich auch um an seinen Rädern zu schrauben. Er interessiert sich sehr für den Greifswalder Kulturkalender, da er eine Kulturplattform für Caleta auf die Beine stellen will. Später fahren wir noch zur Promenade und schauen uns das Kulturzentrum an. Der Sonnenuntergang am Wasser ist traumhaft, an den Riffen gibt es wohl Austern, die Flut kommt gerade wieder. Später wird noch am kleinen Gewächshaus gegrillt bevor ich mich in Mauros Hängematte im Wohnzimmer zur Nacht bette.

 

Am Morgen letzte Besorgungen – Ersatz für eine gebrochene Schnalle an einer der Radtaschen wird benötigt. Nach dem Mittag breche ich auf – 75 km bis Fitz Roy, Rückenwind wurde vorher gesagt. Mauro begleitet mich auf seinem Rad noch bis zur Stadtgrenze. Am Anfang gibt es noch ein paar Ölpumpen, die Straße führt entlang der Küste, biegt dann aber bald ins Landesinnere ab. Dank Rückenwind sind auch die Sog- und Druckwirkungen der LKWs weniger schlimm.

Fitz Roy ist der letzte „Ort“ für die nächsten paar Hundert Kilometer. Danch folgen noch die Tankstelle mit Hotel Tres Cerros (ca. 130 km) und nach weiteren 130 km dann Puerto San Julian – wieder mit Supermarkt etc.

Gegen 18 Uhr erreiche ich die Ortschaft, in der Tankstelle gibt es Tee und WIFI – fast schon ein Ritual. Statt eines als günstig angepriesenen Hostels finde ich nur Cabanas – ab 20 EUR, einen Minishop mit Zimmern um die 18 EUR und neben der „Touristinfo“ den Campingplatz. Vollkommen leer werde ich dort wohl zum ersten Gast der Saison. Gesellschaft bietet mir ein Hund, dem ich aber kein erhofftes Leckerlie reichen kann. Die Dusche im Sanitärverschlag bietet kaltes Wasser und wurde wohl schon länger nicht mehr benutzt geschweige denn gepflegt. Die Toilette … funktioniert immerhin. Auch ohne Klobrille.

Immerhin gibt es große Kabelrollen aus Holz als Tische und Bänke sowie am wichtigsten: etwas Windschutz für das Zelt. Der Kocher wird eingeweiht und bald schon geht’s bei einstelligen Außentemperaturen in den daunengefüllten Schlafsack. Der nächste Tag ist als Ruhetag geplant – sehr starker Südwind lässt nicht ans Weiterfahren denken – nicht für 130 km, nicht bei ungesicherter Versorgungslage.

Buenos Aires

Zurück in Buenos Aires buche ich erstmal eine Woche Sprachkurs – zumindest ein bisschen mehr Grundwortschatz hoffe ich so zu erlernen, bevor es losgeht. Tito, Julietas Zapatero (Schuhmacher) des Vertrauens, klebt meine Wanderschuhsohle innerhalb eines Tages für wenig Geld und freut sich über seinen ersten Kunden aus dem Land Michael Schumachers.
Nun gilt es noch die nächsten potentiellen Gastgeber entlang der Route anzuschreiben, Gaskartuschen (check), Sonnenbrille (check), Kameratasche, Sandalen und Vorräte zu besorgen sowie den Bus nach Süden zu buchen. Wahrscheinlich muss ich das Rad für den Transport zerlegen (Lenker quer, Pedale ab, Räder und Lowrider/den vorderen Gepäckträger runter). Ich hoffe, Folie reicht als Verpackung aus und ich bekomme alle Radtaschen mit in den Bus. Informationen dazu findet man kaum, also probiere ich es einfach so.
So wie es aktuell aussieht, überspringe ich den geplanten Stopp an der Peninsula Valdes (bzw. Puerto Madryn mit Walen, Pinguinen, Seeelefanten) und versuche direkt nach Comodoro Rivadavia oder sogar Rio Gallegos zu kommen – mehrere hundert Kilometer weiter südlich, um dort auf´s Rad zu steigen. Anderenfalls müsste ich das Rad noch mehrmals zusammen und auseinander bauen, um auf die Halbinsel und von dort weiter zu kommen. Wale und Pinguine sah ich zudem schon in Neuseeland und ich möchte nicht nur Häkchen auf meiner Liste machen.
Wenn ich Weihnachten/Neujahr in Ushuaia sein will, sollte ich schließlich Anfang Dezember in Rivadavia starten – ich rechne nach bisherigen Beschreibungen und bei befürchtetem wechselndem Wind sicherheitshalber mit nur 400 km je Woche. Bei gleicher Geschwindigkeit schaffe ich es dann auch bis Anfang Februar sicher nach El Calafate.

In der Zwischenzeit will ich noch ein bisschen vom Jazzfestival mitbekommen, Palermo und einige Stadtparks ansehen – Puerto Madero, das frühere Hafengebiet habe ich nun schon gesehen – dort gibt es wie in Hamburg mittlerweile teure Wohn- und Bürogebäude (bzw. -türme) aber zumindest auch ein frei zugängliches Naturreservat (Reserva Ecológica), Sportflächen und eine Promenade mit vielen Buden. In San Telmo war heute „Buenos Aires Market“ mit StreetFoodTrucks, Kunst und Krempel im Park. Sehr gut auch das Eis – wahlweise in normalen Größen für 1-2 EUR, als 1/4 Kilo (2,50 EUR), 1/2 Kilo (4 EUR) oder Kilo /7,50 EUR) im Eisgeschäft des Vertrauens zu bekommen – oder man kennt die Eigentümer, wie Julietta und zahlt nur die Hälfte. Wahnsinnig lecker! Gibt´s jedoch nicht jeden Tag.

Aber ich merke, es wird Zeit auf´s Rad zu steigen – diese immer laute und wuselige Stadt (allein gestern: Jazzfestival, Gay Pride Parade, Straßenmärkte, in Unterwäsche tanzende Boybands auf der Promenade) … mit ihren Häuserschluchten erschlägt einen! So wunderschön manch Haus im Kolonialstil ist, so bedrückend sind die krassen Gegensätze mit Glas und Stahl, Architektursünden aber auch die Buden in den Armenvierteln. Schwerer als erwartet ist es an Cash zu kommen bzw. zu bezahlen – der Kreditkarteneinsatz in Geschäften ist oft auf Debit-Karten beschränkt, beim Abheben am Geldautomaten werden immer 105 Pesos (~5 EUR) Gebühr fällig und höchstens 2000 Pesos/100 EUR können auf einmal abgehoben werden. Meine tarjeta de credito bringt mir also wenig, da die Gebühren von den Banken vorgegeben werden. Bleibt noch der Geldwechsel an offiziellen und weniger offiziellen Stellen (Av. Florida – dort wird einem offen der Tausch zum minimal besseren Kurs (1:20,65 statt zu 20,20) angeboten – insbesondere, wenn man nicht sonderlich südamerikanisch aussieht. Die Zeiten des „DollarBlue“ mit deutlich besserem Wechselkurs sind jedoch vorbei. Nach der Herkunft des so offensichtlich gewaschenen Geldes fragt man besser nicht.
Ein paar Tipps erhielt ich heute noch von einem Radtourero, den ich auf der Straße traf und Ansprach – wie schon erfahren, kommt man in Argentinien wohl kaum an „Benzina“ – also Reinbenzin für den Kocher ran. Er fand auf seiner ganzen Tour von Brasilien bis Bariloche nichts. Bleiben mir also Gas (ein Butan/Propangemisch für knapp 2 Wochen habe ich in Kartuschenform dabei) und sonst nur NAFTA, das bleifreie (hoffentlich) Autobenzin. Die entsprechende Flasche für 400ml ist sowieso im Gepäck. Auf Diesel (in Argentinien „Gazolina“) will ich ungern zurückgreifen. Auch was die Wahl der Busfirma und einiges anderes angeht erhielt ich wertvolle Tipps. Auf der Fahrt nach Iguazu sah ich noch einen einsamen Pedallero auf der Fernstraße – ich bin also nicht allein 🙂

Gerade sitze ich in Palermo im Straßencafé und lade die vorgeschriebenen Texte hoch – ob es mit Bildern klappt ist bei der Verbindung fraglich. Zuvor konnte ich immerhin Sonnenbrille, Sandalen und Gaskartuschen besorgen. Im Parkhaus des Shoppingcenters kurzer Schockmoment: Fritz parkte ich extra im bewachten und eingezäunten Parkabteil für Fahr- und Motorräder – inkl. Aufnahme von Namen und Passnummer durch den Wachmann. Bei meiner Rückkehr war Fritz trotz zweier Schlösser nicht mehr da. Ein zweites Radparkdeck gab es nicht, der Wachmann nickte beim Anblick eines Fotos von Fritz, jedoch verstand ich nicht weiter. Beim zweiten Wachmann konnte dann mit Hilfe von googletranslate und einer Führung durch die Katakomben aufgeklärt werden: Fritz wurde sichergestellt, weil er zwar an sich angeschlossen, nicht jedoch an einem der Radständer gesichert war. Überglücklich nahm ich das Rad nach 20 Minuten Schweißausbruch wieder in Empfang. Argentinien scheint ZU sicher für mich zu sein 🙂

Super übrigens die Radwege / Bicisendas, soweit vorhanden: in beide Richtungen befahrbar, baulich getrennt und dennoch im Sichtfeld der Autofahrer. Mit Links vor Rechts und einhalten der Spuren gibt es ein paar Probleme – also gilt es zügig und dennoch defensiv zu fahren. Auf Einbahnstraßen (gern mal mit 6 Spuren) wie Kutschen und die Mülltrolleys (von Hand gezogene Rikschas/Karren für Karton) und alle anderen langsamen Teilnehmer links, bei Straßen mit Gegenverkehr rechts mit Abbiegen über den Zebrastreifen. Auch die OSMand-Navigationsapp findet die Bicisendas – funktioniert wunderbar.

Heute (20.11.) übrigens richtiger Regen und das nicht zu knapp… Die Tankstelle mit WiFi ist zum Glück nur 50 Meter entfernt, kann atmosphärisch mit Jazz, Schwanensee und anderen Klängen auf dem Hof des Wohnhauses (teils live aus den Wohnungen, teils vom Band) nicht ganz mithalten.

PS: Porto für einfache Postkarten: 85 Pesos – 4 EUR … dafür steht man aber immer schön in der Schlange, am Bus, bei der Post, in der Bank und auch beim Bäcker zieht man teilweise Wartenummern – wenn nur alles andere so geordnet und der Service entsprechend (schnell) wäre… Bienvenido a Manana-Land 🙂

 

PPS: 27.11. Letztes Update vor der Abfahrt – in der Tankstelle an der Ecke trifft man sich zum Fußballschauen oder Internetsurfen… morgen geht´s los 25 h Bus bis Comodoro Rivadavia – ab Buenos Aires ist das die Komplette Linie, ca. 1800 km. Aber immerhin im Cama-Bus – also mit Liegesessel. Fritz ist demontiert und eingepackt, wird hoffentlich vom Busfahrer pfleglich behandelt und überhaupt mitgenommen – so viel Platz ist in den Gepäckabteilen der Busse nicht. Am Busbahnhof wird er dann wieder zusammengebaut (Räder, Lowrider, Pedale, Lenker) und es sind Dienstagnachmittag nur 12 km bis Rada Tilly „dem südlichsten ausgebauten Seebad“ Argentiniens, des Kontinents, der Welt? Dort und einen Tag später in Caleta Olivia bleibe ich bei Warmshower/Couchsurfing-Hosts. Und danach … nicht viel. In Fitz Roy scheint es noch Tankstelle und Hostel zu geben. Danach folgen Tankstellen und Estancias in Tagesreisenabstand – sofern der Wind keinen Strich durch die Rechnung macht. Aktuell soll er laut Locals aus West / Südwest kommen – also schön von vorn. Schaun mer mal… soweit möglich melde ich mich bei der Familie per Kurznachricht, Blogeinträge wird´s aber wohl länger nicht geben können. Drückt die Daumen! Temperaturen scheinen am Anfang noch über 25 Grad zu sein (lt. Vorhersage), kein Regen, Wind um die 30 km/h, mal gucken, ob´s stimmt. Die Vorräte sind aufgestockt, Reis, Dosentuna, Suppenpulver, Haferflocken, Körner … „Steck mir Cracker in den Mund , Kling Klang, Fritz und ich, die Straße entlang. … Zwei Mal nach Feuerland bitte!“ (frei nach Keimzeit)

Statt ordentlichen Schlangen an Bushaltestellen und jeder Menge Verkehr werde ich dann hoffentlich wenigstens ein paar Autos pro Tag sehen. Wenn wegen Wind etc. gar nichts mehr geht – Daumen raus und hoffen, dass ein Pick-Up hält. Bevorzugt soll´s aber mit eigener Kraft gen Süden gehen. „Gooooooooooool“ – erklingt´s aus dem Fernseher … Zeit zu starten.

Cataratas Iguazu – 1. Teil – Argentinien

Nach der Landung mit der Maschine von Air Europa (eine Tochter von Iberia) in Buenos Aires mit schönem Hostel in der Innenstadt zog ich schon bald zu Julieta, meine erste Couchsurferin auf dieser Reise. Wir hatten uns schon länger verabredet, um gemeinsam zu den Wasserfällen (Cateratas) von Iguazu an der argentisch-brasilianischen Grenze zu fahren – dies aber noch per Bus (über 1000 km nördlich, 18 h Fahrtzeit / 1500 Pesos ~ 75 EUR je Richtung mit „Rio Uruquay“). Die Fahrt startet Sonntagabend am Retiro, dem großen Hauptbahnhof, entlang des Hafens und des Rio de la Plata durch die Vororte und letztlich durch schier endlose Ebenen. Je weiter es nach Norden geht, umso seltener werden richtige Straßen abseits der Hauptstraße: Häufig sind es nur Pisten, in den Dörfern stehen bäuerliche Hütten aus Holz und Blech neben Luxus-Herbergen für Touristen. Dafür wird die Vegetation üppiger, die Erde rot wie in Australien. Ein paar stolze Gauchos reiten parallel zur Autobahn entlang ihrer Weiden. Dank kostenlosem Upgrade reisen wir komfortabel im Cama-Sessel (statt Semi-Cama) – voll klappbare Ledersessel mit Beinfreiheit in denen man gut schlafen kann – mit Decke, Kissen und Bordservice wie im Flugzeug.
Der Ort Puerto Iguazu ist nicht weiter erwähnenswert. Das Iguazu Falls Hostel ist relativ günstig (12 EUR / p.N.), hat einen kleinen Pool, eine Außenküche und einen guten Eisladen direkt gegenüber. Wir kommen Montagmittag an und verbringen den restlichen Tag bei ca. 30 Grad am Pool.

Dienstagmorgen geht es per Bus zum argentinischen Ufer der Fälle – der dortige Park ist größer als der brasilianische Teil. Auch Paraquay grenzt an den Nationalpark, wird von uns aber nicht besucht. Die Hauptattraktion sind die Fälle, durch deren Mitte die Brasilianisch-Argentinische Grenze verläuft.
Wir laufen parallel zu den Gleisen der Parkeisenbahn zum „Garganta del Diablo“ (Teufelsschlund) dem vermeintlichen Highlight – man steht auf einem Steg direkt oberhalb eines hufeisenförmigen Falls, Wassernebel steigt auf, unglaubliche von der Erde braun gefärbte Wassermengen verschwinden im Nichts.

Zurück zum Parkzentrum geht es per Bummelzug und von dort weiter zu Fuß zum Cirquito Inferior – dem unteren Rundweg, den ich noch deutlich spannender finde. Häufig steht man vor oder neben riesigen Fällen, aufstobendes Wasser kühlt angenehm und Regenbögen erscheinen. Das Ausmaß dieser Fälle lässt sich kaum erahnen. Über hunderte Meter, wenn nicht sogar Kilometer, Breite stürzt das Wasser des Rio Iguazu bis zu 80 Meter tief ins Tal – mal idyllisch von Urwaldvegetation umgeben, mal in monströser Größe, immer röhrend. Der obere und der untere Weg schlängeln sich über Stege und Wege entlang der Fälle. An der Vielfalt und Gewalt kann man sich kaum satt sehen. Mitten im Fluß auf einem Stein: Schildkröten – ob die es wohl noch an Land schaffen? An anderer Stelle sieht man große geierartige Vögel, die sich am Ufer sammeln und über dem Wasser kreisen. Entlang der Wege begegnet man ab und an kleinen Affen und vor allem an den Picknicktischen frechen Nasenbären mit scharfen Klauen. An Wasserpfützen sieht man handtellergroße Schmetterlinge in blau und gelb – in diesem Klima gedeiht offensichtlich alles prächtig.

Wiederholt wird man SEHR nass – entweder an zahlreichen Plattformen vor einem Wasserfall oder am effektivsten im Speedboot, das einen direkt unterhalb der Fälle bringt, dort verweilt und einige Pirouetten dreht bevor man wieder ans Ufer gebracht wird – ein großer Spaß! Im Anschluss schaffen wir noch den sehr gut ausgebauten oberen Rundweg (Cirquito Superior) mit Panoramablicken auf die jeweils angrenzenden Fälle und Becken. Den je Richtung 3,5 km langen Weg zum Geheimtipp, einem Fall unter dem man direkt baden kann, schaffen wir leider nicht mehr, es ist schon später Nachmittag und man wird nach 15 Uhr nicht mehr dorthin gelassen. Auch die Insel San Martin zwischen den Fällen wird an diesem Tag, vermutlich wegen des Wasserstands, nicht angefahren. Dennoch ein tolles Erlebnis.