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3.12. – 6.12. Fluch und Segen

Sonntagmorgen ging es mit starkem Wind aus der Stadt – Helmkappe für die Ohren, Jacke, Bein- und Armlinge sowie das zweite Tuch wurden dringend gebraucht, Handschuhe sowieso.

125 km bis Comandante Luis Piedra Buena – der letzten Stadt für eine ganze Weile.

8:30 Uhr geht’s los. Der Rückenwind hilft – 20 km/h sind kein Problem, auf langen Geraden in Windrichtung gern auch 30 km/h, Abfahrten bieten dann immerhin 50 – 60 km/h – schneller muss es auch nicht sein. Sobald die Straße jedoch leicht abbiegt, hat man den vollen Wind von der Seite. 15 – 20 km/h sind dann zwar noch möglich, aber angenehm ist es nicht. 56 km vor dem Ziel dreht der Wind dann vollends auf Seitwind. Hier holt mich während einer Pause aus dem Nichts ein Rennradfahrer ein, mit nur einer Trinkflasche ausgestattet. Wo kommt der auf einmal her? Wo will der hin? Scheinbar auch nach Puedrobuena und zurück – voll gegen den Wind! 25 km vor dem Ziel kommt er mir am Berg entgegen und bittet um Wasser. Ich habe genug und gebe gern ab, aber der arme Kerl hat noch einen heftigen Ritt vor sich!

Unterwegs werde ich viel angehupt und freundlich gegrüßt – nur wenige Idioten hupen mich tatsächlich von der Straße, weichen nicht aus, bremsen kaum oder gar nicht ab, obwohl Platz und freie Sicht ist. Den Vogel schießen aber zwei Mädels ab: Fahren langsam mit Warnblink hinter mir her – überholen nicht, trotz Gewinke und Platz. Also, anhalten – vielleicht wollen sie mir ja Wasser geben? Aber nein, sie gucken und tuckern weiter, beschleunigen dann wieder, während ich erstmal wieder Tempo aufnehmen muss.

In Piedrabuena dient die Tankstelle wieder als Infopunkt mit WIFI und Tee. Ein paar kleine Jungs beäugen neugierig den voll beladenen Fritz, ein älterer Herr gratuliert mir zur Etappe… Unterkünfte scheinen jedoch rar gesät. Immerhin soll es günstiges Camping, Cabanas (Hütten) und eine Hosteria auf der Insula Pavon inmitten des Flußes geben. Klingt nett, sieht auch schön aus, aber dieses Wochenende ist hier jedes Bett belegt. Ich wähle das Zelt, 200$ für eine Nacht (mit Tisch und Grill sonst 400) und Warmwasser nur bis 18 Uhr – also noch eine Stunde. Nach dem Zeltaufbau sollte es immernoch 30 min lang Warmwasser geben, aber denkste: Aqua fria ist das einzige, dass aus der Dusche kommt. Egal, Hauptsache duschen. Die Anlage ist schön gepflegt, Heißwasser für Thermoskannen und den obligatorischen Maté kann man direkt am Trinkwasserbrunnen zapfen. Am Ufer werden von einer Familie zwei Schafshälften über offenem Feuer gegrillt – DAS ist also echtes Asado. Irgendwoher kommt laute Musik, aber der Tag war lang genug, ich schlafe schnell und tief.

  1. Dezember – 100 km nach Lemarchand – Gegenwind

Am Morgen geht’s los – Gegenwind aus Süd/Südost ist angesagt. 100 km bis Lemarchand – das ist genau genommen eine Hosteria mit Benzin, mehr nicht. Die wohl einzige Unterkunft vor Rio Gallegos und Guer Aike (abgesehen von weiter entfernten Estancias und einer an der Ruta 3, 60 km hinter Lemarchand.

Am Abzweig nach Puerto Santa Cruz kann ich nochmal die Vorräte mit Pastetchen und Kuchen auffüllen – Gold wert, wie sich später rausstellt. 5,5 Liter Wasser und Limo sind am Rad, das sollte reichen. In Lemarchand kann ich dann auffüllen und vielleicht einen Ruhetag einlegen – soweit der Plan. Die ersten 15 km habe ich wider Erwarten seitlichen Rückenwind und reise mit angenehmen 20 km/h, dann dreht jedoch die Straße – von hier an gibt es nur noch Gegenwind – frontal oder schräg von rechts mit durchschnittlich 8-16 m/ Sekunde, am Berg genauso wie in der Ebene.

So geht es mit 6-8 km/h bergauf in den Nationalpark Monte Leon, und mit 10-12 km/h durch unendliche Ebenen. Auf Abfahrten mit 3 % Gefälle erreiche ich mit Treten 18 km/h. Nach dem Mittag wird der Wind noch stärker – Spaß macht das nicht. Statt stündlich muss ich halbstündlich halten um Energie zu mir zu nehmen. 16 Uhr – noch 30 km. Zum Glück entscheide ich mich dagegen, diese Etappe zu teilen und fahre weiter. Sonnenuntergang ist circa 21.30 Uhr, also genug Zeit. Wenn die Kräfte reichen.

19 Uhr – die letzten Kilometer waren besonders hart, aber endlich bin ich auf dem letzten Kilometer. Die Oberschenkel sind fest und schmerzen. Ein rotes Haus kommt in Sicht – aber merkwürdigerweise nur ein Autotransporter davor, der schon bald weiterfährt. Als ich näher komme sehe ich: Das Ding ist zu, geschlossen, verrammelt, gar eingezäunt! Sch… In den Flaschen habe ich noch einen dreiviertel Liter Wasser. Essen reichlich. Was nun? Hier gibt es keine windgeschützte Campingmöglichkeit. Weiterfahren und Suchen? Oder hier bleiben, wo ab und an Trucker Pause machen? Der Versuch zu Trampen scheitert – um die Zeit ist kaum jemand in meine Richtung unterwegs, nur zwei Pick-Ups fahren an mir vorbei, dazu Trucks ohne Ladefläche (die offiziell ohnehin niemanden mitnehmen dürfen) und PKW. Die ausgewiesenen Farms liegen mindestens 30 km abseits der Straße, über Schotterwege unerreichbar. Auf dem Parkplatz habe ich dann Glück: Ich frage nach Wasser und bekomme: 1 Liter Wasser, 1 Liter O-Saft, Oreo-Kekse und von einem anderen Fahrer nochmal 1,5 Liter Wasser – das würde für die Nacht reichen, um ggfs. morgen zu trampen oder die 60 km zur nächsten bekannten Estancia zu kommen. Noch wertvoller aber der Hinweis auf Ototelo Aike – 10 km weiter südlich.

Dort gäbe es große Gebäude. Auf dem Navi sind dort zumindest Wendekreise eingezeichnet. Es ist 20 Uhr – ich entscheide mich nach Ototelo zu fahren um dort nach Campingmöglichkeiten Ausschau zu halten. 20.45 Uhr kommen Häuser in Sicht: Wirtschaftsgebäude, ein Wohnhaus und sogar eine Abfahrt dorthin. Das erste gepflegte Wohnhaus mit Garten ist leer – aber Fahrzeuge stehen rum, der Generator läuft, ein Hund ist vor Ort. Ein Stück bergauf stehen weitere Wirtschaftsgebäude – auch hier ein Pickup, aber niemand zu sehen. Ich klopfe an verschlossene Türen, eine jedoch ist offen: Dort steht Brot und Aufstrich (der wie Götterspeise aussieht) auf dem Tisch – hier muss also jemand sein. Ich suche weiter und finde endlich den Farmarbeiter Eduardo: Ich erkläre meine Not und frage, ob ich campen dürfte. Stattdessen zeigt er mir eine Gemeinschaftsunterkunft (scheinbar für die Helfer zur Schafschur) mit Holzpritschen, warmer Dusche, großer Küche… er heizt den Gasofen an und verschwindet um kurz darauf mit einer Matratze zurückzukommen. Ein Engel. Ich darf bleiben. Es gibt nach wie vor keinen Mobilfunk, aber Strom. Und von nebenan holt Eduardo auch noch hausgebackenes Brot. Ich kann mein Glück kaum fassen.

Total fertig aber glücklich und wahnsinnig dankbar nehme ich die Dusche und Koche Unmengen Reis mit Erbsensuppe. Dazu gibt es Brot, Salami, Leberwurst und einen schönen Sonnenuntergang über dem Tal. Für die Beine gibt es Voltaren und eine kleine Massage. Morgen früh entscheide ich, ob bzw. wie weit ich weiter fahre.

Dienstag, 5. Dezember

Um 6.30 Uhr weckt mich die Sonne. Option 1: 60 km bis zur nächsten Estancia fahren. Option 2: 100 km bis Guer Aike. Option 3: 130 km bis Rio Gallegos – Optionen 2 und 3 sind aber nur mit starkem Rückenwind möglich und nach der gestrigen Etappe eigentlich nicht machbar.

Im Tal scheint kaum Wind zu sein – Bäume zum Prüfen gibt es nicht, aber es rüttelt auch nicht am Haus. 8.30 Uhr fahre ich vom Hof und komme erst auf eine wunderbare Abfahrt und dann in den Genuss von Rückenwind. Geradem, starkem Rückenwind. Es geht gut voran und Guer Aike ist gegen 15 Uhr erreicht. Hier könnte ich campen, am Campingplatz soll es auch einen Kiosk geben. Allerdings fühle ich mich trotz schrägem Gegenwind und steilen Anstiegen auf den letzten 10 km überraschend fit UND nach Rio Gallegos geht es laut Karte gerade aus nach Osten – 30 km in Windrichtung. Nach Abstecher auf den Aussichtspunkt fällt die Entscheidung: Es geht weiter, ich nutze den Wind: Auf der je Richtung zweispurig ausgebauten Autobahn mit Seitenstreifen geht es mit über 30 km/h, teils 40 km/h wunderbar voran – nach 50 Minuten bin ich in der Hafenstadt und erreichen Cecilias Haus. Den Kontakt hatte mir Francesco aus Comodoro vermittelt. 100 Meter vom Wasser entfernt darf ich hier meinen Ruhetag verbringen und werde gut gefüttert. Noch knapp 600 km bis zum „Fin del Mundo“

 

 

Morgen, am 7. Dezember, geht’s weiter. Erst zum Lago Azul – einen wassergefüllten Krater, 60 km südlich von Rio Gallegos, dann zur Chilenischen Grenze und Fähre nach Feuerland. Zuvor müssen noch alle Früchte und Milchprodukte aufgebraucht werden, an der Grenze werden diese sonst konfisziert. Bis San Sebastian sind es 280 km – allerdings teilweise auf Schotter, gut möglich, dass ich 3-4 Tage bis dorthin benötige. Nächste Städte in mehreren Etappen sind dann Rio Grande (100 km weiter), Tolhuin (weitere 130 km) und Ushuaia (letzte 110 km).