15. – 21.03.2018 Von Santiago in luftige Höhen, nach Mendoza und zurück in die Pampa

Am 15. März wird es ernst: Mit frisch gebackenem Brot im Gepäck geht es zum wohl letzten Mal Richtung Argentinien. Ziel ist Mendoza, doch zuvor gilt es, den Bermejo-Pass (auch Christo Redentor-Pass genannt) zu überwinden. Die bisherigen Gebirgsquerungen lagen auf 1200 bis 1400 Meter über dem Meeresspiegel, der Bermejo ist zwar noch deutlich flacher als der Pass Aqua Negra (4800 m), bietet mit seinen Querungen auf 3100 Meter (durch den Tunnel) bzw. 3800 Meter über die alte Passstraße aber auch so ausreichend Herausforderungen. Von Santiago (ca. 500 m ü. NN) aus führt die Autobahn binnen 75 km nach Los Andes, auf 900 m. Wieder sind es über 25 Grad beim zarten Prolog mit Camping und jeder Menge Pasta am Tagesende. Am ersten Tunnel warten Arbeiter der Straßenwacht, die Fritz auf einen Pickup verladen und uns durch den unbeleuchteten, 2 km langen Tunnel fahren – während auch auf der Autobahn Fahrräder offiziell nicht erlaubt sind, wird dieses Verbot hier mit Recht durchgesetzt. Für die alternative Tunnelquerung bin ich dankbar, alles andere wäre nicht sicher.

Tag zwei hat ebenfalls nur 70 km Strecke, der Tacho zeigt zum Schluss aber schon 2900 Höhenmeter an und die Etappe zählt 29 Serpentinen, die auf kurzer Distanz die (fast) letzten 700 Höhenmeter des Tages überbrücken. In Portillo kann ich in der Fahrzeughalle des Skigebiets schlafen, den Wasserschlauch zum Waschen nutzen (im Wind, Lufttemperatur 6 Grad) bekomme von den Arbeitern sogar noch Weintrauben zugesteckt und gönne mir ein Abendessen im Skihotel nebenan – Team Chile sitzt am Nebentisch, während ich mir die Dorade schmecken lasse und den Ausblick auf den Bergsee genieße. Die Zimmerpreise beginnen bei 100 US$ pro Nacht, Alpinteams aus Österreich und den USA scheinen Stammgast zum Sommertraining zu sein, davon zeugt die signierte Fotogalerie. Tag drei birgt den Angriff auf die Passhöhe – bislang lief´s auf Asphalt Dank großzügiger Übersetzung der Schaltung ganz gut und bis oben sind´s ja nur rund 12 km, aber eben auch noch 900 Höhenmeter. Start um 9:30 Uhr. Bis 3200 Meter gibt es sogar noch Asphalt bzw. eine feste Piste mit Spitzkehren. Die Tunnelzufahrt (von der Straßenwacht ist heute niemand zu sehen, der mich auf die andere Seite bringen könnte, wenn ich denn wöllte) liegt bereits 150 Meter unter mir. Ab hier gibt es jedoch immer mehr groben und losen Schotter in den Kurven und den kurzen Geraden – mit dem Rad komme ich da nur noch selten durch und muss durch die ungezählten Spitzkehren schieben. Auch die Luft wird deutlich dünner, bei 3550 Metern ist Schluss – der Blick nach oben und auf das GPS verspricht keine Verbesserung der Konditionen: Mehr Schotter und etliche Kurven folgen. Schweren Herzens beschließe ich umzudrehen und doch am Tunnel mein Glück zu versuchen. Die Durchfahrt per Rad ist auch hier zurecht verboten, sodass die Straßenwacht helfen müsste. Nach zwei Kurven bergab kommt aber die Lösung: Ein Kleintransporter kann mich doch noch mit nach oben nehmen. Die beiden Fahrer wollen Fritz samt Gepäck über Kopfhöhe auf den Wagen hieven, scheitern aber, wie zu erwarten, an Gewicht und Unhandlichkeit meines Gefährten. Mit abgenommenen Taschen wird das Zweirad schließlich auf dem Dach verzurrt und 20 min später sind auch die letzten 274 Höhenmeter und sicher nochmal 20 Spitzkurven überwunden. Gegen 14 Uhr stehen wir am windumtosten Pass bei 3824 m ü NN. Für die übergroße, den Frieden propagierende und wohl von Argentinien und Chile gemeinsam errichtete Christusstatue habe ich bei starkem Wind und 6 Grad nur wenig Blicke. Nach ein paar Fotos wird Fritz wieder beladen, auf der anderen Seite geht es mit angezogenen Bremsen bergab. Mehr als Tempo 15 ist nicht drin, auch die Argentinier verstehen es, radunfreundlichen Schotter auf die Pisten zu schmeißen. Die Folge ist ein kontrollierter Abstieg über den Lenker, der geübte Radfahrer landet geschmeidig wie eine Katze, auf allen Vieren und ohne Schaden (oder anders ausgedrückt: Ich bin froh, dass das Rad relativ langsam wegrutscht und ich den Sturz noch gut abfangen kann).

So dauert der 9 km lange Abstieg auf knapp 3100 Meter fast eine ganze Stunde, gegen 15 Uhr stehe ich wieder auf Beton, mitten im Wind – unerwartet seitlich von hinten, statt wie vorhergesagt aus Osten und damit von vorn. Nach der Mittagspause bin ich guter Dinge, Uspallata, 75 km weiter bergab, doch noch zu erreichen. Einige Tunnel, eine Ralley mit Autos aus den 70ern, schlechte Straßenbedingungen und vor allem unberechenbare Winde aus wechselnden Richtungen gepaart mit Schwerlastverkehr, der aus dem Passtunnel von hinten kommt bremsen mich die ersten 20 km jedoch aus. Bei über 25 km/h fängt das Rad an zu „flattern“ bzw. schieben mich seitliche Böen quer über die Fahrbahn. Abermals muss also gebremst werden. Nach dem gemeinsamen Drive-Through-Grenzposten beider Länder ohne ernsthafte Kontrolle geht es deutlich besser weiter. Die Straße (immerhin ist dies der meist genutzte Grenzübergang zwischen Chile und Argentinien) ist besser in Schuss, der Wind kommt nur noch von hinten und Dank Wochenende nimmt auch der Verkehr in der Abendsonne ab. Die Strecke führt durch ein einziges, ewig langes Tal, vorbei am Aconaqua (knapp unter 7000 m und damit höchster Gipfel außerhalb Asiens), entlang der alten Bahntrasse mit Tunneln, teils umgenutzten Bahnhöfen, kleinen Geistersiedlungen und tollen Felsformationen in allen Farben. Mit 77 km/h erreiche ich für ein paar Sekunden eine neue Höchstgeschwindkeit, meist geht es jedoch mit 30-35 km/h die seicht abfallende Straße hinab nach Uspallata. Mit diversen Fotostops und Essenspause erreiche ich den Ort gegen 18:30 Uhr. Nach dem Einkauf sehne ich mich dringend nach einer Dusche und finde diese 5 km außerhalb in einem rustikalen Hostel mit sprichwörtlich wadenbeißenden Pfeifenreinigern (kommt davon, wenn man über den Zaun im Garten steigt, weil man das Grundstück von der falschen Seite anfährt). Neben mir übernachten noch ein paar Rennradfahrer, die am nächsten Tag ebenso nach Mendoza wollen – allerdings ohne Gepäck und mit Begleitfahrzeug.

Die 120 km nach Mendoza könnten so schön sein – von 1700 auf 800 Höhenmeter hinunter Richtung Osten und auf der Ruta 40 noch ein Stück nach Norden. Könnten, wäre da nicht der Wind. Nach spätem Frühstück starte ich und die Düse ist schon an: Auch bergab werde ich nicht schneller als „rasante“ 10 km/h. Das Etappenziel rückt rasch in weite Ferne, erst ab 14 Uhr erreiche ich einen Punkt im Tal, wo der Wind schwächer und die Straße etwas steiler wird (wohl 2 statt 1 %). Hier treffe ich auch die ersten Reiseradler seit Villarica, ein englisches Pärchen im besten Alter, die sich binnen drei Tagen das Tal zum Bermejo hoch arbeiten wollen und immerhin Rückenwind haben.

Als das Tal sich verbreitert und riesige Weingüter in Sicht kommen, wechsle ich von der Ruta 7 auf die autobahnartige 40 und endlich schiebt der Südwind ein bisschen, zumindest für die letzten 25 km.

Wie rund um Großstädte üblich nimmt der Anteil rüpelhafter Fahrer und insbesondere Trucker zu: Zwei von Hundert lassen es sich nicht nehmen, mich in den Seitenstreifen zu hupen bzw. zu schneiden. Insgesamt ist es aber immer noch sicheres Fahren, nicht schlimmer als auf Deutschlands Landstraßen. In der Stadt selbst gibt es, wie in vielen größeren argentinischen Städten, wieder Radwege – direkt an der Straße, in Sichtweite der Autofahrer, perfekt – wenn auch nicht überall. 18 Uhr ist Mendoza erreicht, an der Tankstelle warte ich noch auf meinen Couchsurfinghost und beginne dann zwei volle Tage Ruhe: Steak, ausschlafen, Pizza, Eis, Besuch im großen Park San Martin (das ihm gewidmete Museum hat immer dann zu, wenn ich es besuchen will), Kettenwechsel (ab nun immer nach 1.500 km) – viel mehr passiert bei 30 Grad nicht.

Von Mendoza aus führt mich die mittlerweile weiter nach Osten verlegte und asphaltierte (ehemals legendäre) Ruta 40 weiter nach Norden durch trockene Steppe. Außerhalb der folgenden in Oasen gelegenen Städten mit Wein oder Olivenhainen gibt es wenig außer ausgetrockneten Flußbetten und Steinpampa mit wenig Vegetation. Der Verkehr nimmt ab, Siedlungen und Raststops sind selten. Nach 80 km erreiche ich eine Mautstelle, an der ich hinter dem Polizeiposten campen und mich auch duschen kann. In der Zelle darf ich leider nicht übernachten, schade. Unterwegs traf ich den bis Mitte April letzten Radfahrer der Saison auf dem Weg nach Süden, einen Franzosen, der mir die Ruta 9 für den weiteren Weg nach Norden empfahl und selbst noch bis Ushuaia kommen möchte.

San Juan erreiche ich am nächsten Tag, raste hier bei 33 Grad, backe mal wieder Brot … und meine Kreditkarte wird, wie ich später erfahre, von meinem besorgten Kreditinstitut gesperrt. Scheinbar war das Bezahlsystem des Hostels meiner Bank suspekt und diese sperrte die Karte. Mit der neuen, die sie mir (nach Berlin) zuschicken, kann ich nicht allzu viel anfangen. Zum Glück traf ich mit meinem „Finanzminister“ (Danke Paps!) daheim Vorkehrungen und habe noch eine Karte am Mann, ärgerlich ist es trotzdem.

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